Arbeiterfotografie
"Viele Steine gabs und wenig Brot" - Kleinbäuerin und Kinder beim Steine aufsammlen auf dem Feld
Aufnahme: Kurt Beck, 1928/1932, df_beck-r02_0000043.
Lesende Frau. Die Schwägerin des Fotografen beim Lesen der Zeitschrift "Der Arbeiter-Fotograf"
Aufnahme: Hans Bresler, 1928, df_pos-1986-a_0000006.
Anschlagtafel in Eibenstock vom Bauern-Komitee Bermsgrün mit einer Doppelseite der
Arbeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ), 9 (1930), Nr. 44, S. 1014/15
mit dem Beitrag von Bodo Uhse: "Bauer steh auf, Bauern zu hauf !"
illustriert mit Fotografien von Kurt Beck
Aufnahme: Kurt Beck, 1932, df_beck-r01_0000069.
Markersbach Kreis Schwarzenberg. Schornstein der Pappenfabrik Georgie.
In 34 m Höhe angebrachtes Wahlplakat der KPD zur Reichspräsidentenwahl 1932 "Wählt Liste 3"
Aufnahme: Erich Meinhold, 1932, df_hauptkatalog_0044761_a.
Die Deutsche Fotothek besitzt eine rund 750 Motive aus dem Zeitraum 1925 bis
etwa 1935
umfassende Sammlung zur Arbeiterfotografie, die durch rund 200 Aufnahmen
aus der Nachkriegszeit bis etwa 1980 ergänzt wird.
Inklusive einer Vielzahl teils eigenhändig, teils von fremder Hand angefertigter
Reproduktionen und Duplikate umfasst der Bestand Arbeiterfotografie rund 2.000 Negative und Positive.
Diese Aufnahmen konnten im Rahmen einer Kooperation der Deutschen Fotothek mit
dem
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) vollständig digitalisiert und erschlossen werden.
Das ISGV beschäftigt sich seit Februar 2009 im Rahmen des DFG-Projekts
"Das Auge des Arbeiters, Untersuchungen zur proletarischen Amateurfotografie
der Weimarer Republik am Beispiel Sachsens" mit der exemplarischen Erforschung
der insgesamt 20 sächsischen Ortsgruppen der "Vereinigung der Arbeiterfotografen
Deutschlands".
[Alle Arbeiterfotos anzeigen].
Galt der Begriff "Arbeiterfotografie" zunächst für alle nicht-bürgerlichen Amateure etwa auch im Touristenverein "Die Naturfreunde" oder anderen sozialdemokratischen Organisationen, so hat die Rezeption in der DDR-Geschichtsschreibung jedoch dazu geführt, dass er in der Literatur weitgehend synonym für die Mitglieder der KPD-nahen "Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands" (VdAFD) angewandt wird.
Diese Organisation war 1926 mit dem Ziel gegründet worden, die verstreut arbeitenden Amateurfotografen in den proletarischen Milieus für die politische Propaganda der KPD in der illustrierten Presse zu nutzen. Ende 1932 waren circa 2.500 Amateurfotografen in 130 Ortsgruppen organisiert. Veröffentlicht wurden die Aufnahmen in periodisch erscheinenden Bildbeilagen der Parteizeitungen wie "Der rote Stern" oder "Das illustrierte Volksecho", in erster Linie aber in der "Arbeiter Illustrierten-Zeitung" (AIZ) und der Verbandszeitschrift "Der Arbeiter-Fotograf".
Der hier recherchierbare Bestand Arbeiterfotografie setzt sich aus dem Nachlass von
Kurt Beck
und Aufnahmen von
Erich Meinhold
und
Hans Bresler zusammen.
Beck und Meinhold waren Mitglieder der 1930 gegründeten Ortsgruppe Bermsgrün der
VdAFD, einer sehr
aktiven Ortsgruppe im westsächsischen Erzgebirge. Hans Bresler war Vorsitzender der Anfang
1930 auf Dresdner Initiative gegründeten Ortsgruppe Freital.
Die circa 700 Aufnahmen aus dem Nachlass Kurt Becks enthalten auch Reproduktionen
befreundeter Arbeiterfotografen, wie Max und Kurt Winkler –
beide Mitglieder der Ortsgruppe Bermsgrün – Fritz Günther und Gerhard Behr. Die
Urheberschaft einiger durch Kurt Beck nach 1945 reproduzierter
Fotografien ist derzeit noch ungeklärt. Darüber hinaus sind im Bestand auch einige
Aufnahmen von
Richard
Peter sen. und
Abraham Pisarek vertreten.
Die Deutsche Fotothek erwarb die Fotografien von Hans Bresler, Erich Meinhold sowie
den Nachlass von Kurt Beck im Zuge ihres Ausbaus zur zentralen
fotohistorischen Institution der DDR zwischen 1984 und 1986. Im Rahmen dieser
Übernahme entstand Dokumentationsmaterial über die politischen Biografien
der Arbeiterfotografen und den historischen Kontext der Aufnahmen,
das zur Bestimmung von Bildinhalten und für die Datierung der als originale
Negative und Positive oder als Reproduktionen überlieferten Aufnahmen
herangezogen werden konnte.
Inhaltlich nehmen die Fotografien Bezug auf die Lebenswelt der Arbeiterfotografen.
In den Ortsgruppen des ländlichen Raums, wie der Ortsgruppe
Bermsgrün, stand das Lebens- und Arbeitsumfeld der Kleinbauern und Heimarbeiter im
Mittelpunkt. Die Fotografen der eher städtisch geprägten
Ortsgruppen, wie der Ortsgruppe Freital, versuchten die modernen Technik- und
Arbeitsformen in den Industriebetrieben in den Blick zu nehmen.
Die Mitgliedschaft der Fotografen im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands
(KVJD), im Roten Frontkämpferbund oder dem Bund schaffender Landwirte
resultierte in zahlreichen Aufnahmen politischer Aktivitäten dieser Organisationen.
Einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt bilden die Aufnahmen zum Bau von Sportplätzen
und die der zahlreichen sportlichen Wettbewerbe. Sie sind
ein Beleg für die Bedeutung des Arbeitersports im proletarischen Milieu.
Auch das Hochwasser vom 6. Juli 1931 im Erzgebirge wurde durch die Arbeiterfotografen
umfangreich dokumentiert.
Im Rahmen des oben genannten Forschungsprojekts wird die Rolle der proletarischen
Amateurfotografenbewegung und ihrer Akteure als Teil und Vermittler von Volkskultur
im 20. Jahrhundert anhand ihrer Bildbestände, Archivalien und der Veröffentlichung dieser Fotografien
in der Parteipresse rekonstruiert.
Im Mittelpunkt des DFG-Projekts steht die Frage nach der Entwicklung individueller und
gesellschaftlicher Symbolbildung im Kontext des Visualismus und der
Industrialisierung der Bildproduktion und –rezeptionrezeption insbesondere
in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Nicht zuletzt die wachsende Bedeutung des
Internet hat zu neuer Aufmerksamkeit für die Arbeiterfotografie als früher
Amateurbewegung geführt, die als unikale Quellen in einer an der Basis weitgehend
nichtschriftlichen Kultur Einblicke in die Wirklichkeitsdeutungen, in Utopien und
Medienverständnis gestatten.
Korinna Lorz
© SLUB/Deutsche Fotothek 2010
Auswahlbibliografie
- Arbeiterfotografen Gruppe Hannover: Wem es um die Sache zu tun ist, der muß Partei zu nehmen wissen. Gespräch mit Walter Ballhause, in: Arbeiterfotografie Nr. 31, Sept./Nov. 1982, S. 24-33
- Arbeiterfotografie 1926 - 1933 : eine Ausstellung der Gesellschaft für Fotografie im Kulturbund der DDR / Hrsg.: Stadt Duisburg, der Oberstadtdirektor, Duisburg 1987 (= Duisburger Akzente, 11)
- Arbeiter-Lichtbild-Bund Deutschlands (Hg.): Das Neue Bild. Zeitschrift zur Pflege von Film und Foto in der Arbeiterbewegung, 1.1930-2.1931, Dez.
- Arbeiter-Lichtbild-Bund. Berlin (Hg.): der freie lichtbildner, Berlin 1/1932/1.
- Bergmann, Jens: Arbeiterfotografie als Medium der Übermittlung politisch-ästhetischer Wertvorstellungen, dargestellt am Beispiel der Ortsgruppe Bermsgrün der "Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands", Leipzig (Diplomarbeit Karl-Marx-Universität) 1983.
- Bool, Flip und de Vries, Jeroen: de arbeidersfotografen. Camera en crisis in de jaren 30, Amsterdam 1982.
- Büthe, Joachim et al.: Der Arbeiter-Fotograf. Dokumente und Beiträge zur Arbeiterfotografie 1926-1932, Köln 1977
- Danner, Günther: Die Anfänge der Arbeiterfotografenbewegung in Deutschland und ihre Bedeutung für die "Arbeiter-Illustrierte Zeitung", Diss. Leipzig 1966.
- Dauert, Heidrun (Hg.): Eugen Heilig, Walter Heilig. Zwei Fotografengenerationen, Berlin 1989.
- Deutscher Kulturbund (Hg.): Berichte – Erinnerungen – Gedanken zur Geschichte der deutschen Arbeiterfotografie 1926 – 1933, Berlin 1967
- Dreiskämper, A., Hiepe, Richard und Lehmann, R. (Hg.): Arbeiter in der Fotografie. Ausstellung über die Darstellung der Arbeiterklasse in der Fotografie von 1848 bis 1974, Braunschweig 1974.
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- Heilig, Monica: Der Arbeiterfotograf Eugen Heilig, in: Heilig, Monica und Heilig, Walter (Hg.): Eugen Heilig. Arbeiterfotograf 1911-1936, Berlin 1996, S. 109-125.
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- Hesse, Wolfgang: Kontinuitäten und Brüche in den Sammlungen der Deutschen Fotothek, in: Peter Vodosek, Wolfgang Schmitz (Hg.): Bibliotheken, Bücher und andere Medien in der Zeit des Kalten Krieges, Wiesbaden 2005 (= Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens Bd. 40), S. 173-196.
- Hesse, Wolfgang: Schornsteinkrieg. Zu einem Motiv der Arbeiterfotografie, in: Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. (Hg.): Volkskunde in Sachsen 17/2005, Dresden 2005, S. 97-118.
- Hesse, Wolfgang: Auferstanden aus Ruinen. Richard Peters Totenportraits als Blutzeugen des Neuen Deutschland, in: W.H., Katja Schumann (Hg.): Mensch! Photographien aus Dresdner Sammlungen, Marburg 2006, S. 128-130.
- Hesse, Wolfgang: Das Auge des Arbeiters. Hans Bresler (Berlin 1902 – 1994 Freital), in: W.H., Katja Schumann (Hg.): Mensch! Photographien aus Dresdner Sammlungen, Marburg 2006, S. 113-115.
- Hesse, Wolfgang: Das Auge des Arbeiters. Albert Hennig: Fotografien 1928-1933, in: Kunstsammlungen Zwickau (Hg.): Albert Hennig 1907-1998. Fotografien 1928-1933, Zwickau 2007.
- Hesse, Wolfgang: Der "Engel" von Dresden. Trümmerfotografie und visuelles Narrativ der Hoffnung, in: Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder, Göttingen 2009, Bd. 1, S. 730-737.
- Hesse, Wolfgang: Der Amateur als politischer Akteur. Anmerkungen zur Arbeiterfotografie der Weimarer Republik, in: Fotogeschichte, 29 (2009), H. 111, S. 21-30.
- Hesse, Wolfgang: Das Auge des Arbeiters. Praxis, Überlieferung und Rezeption der Arbeiterfotografie als Amateurbewegung in der Medienmoderne am Beispiel Sachsens. Vorbericht über ein DFG-Projekt am ISGV, in: Volkskunde in Sachsen, 21/2009, S. 31-57.
- Hesse, Wolfgang: Der Blick in die Zukunft? Aspekte des Utopischen in der Arbeiterfotografie der Weimarer Republik, in: Wolfgang Hesse, Claudia Schindler, Manfred Seifert (Hgg.): Produktion und Reproduktion. Arbeit und Fotografie, Dresden 2010 (= Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, 17), S. 53-75.
- Hesse, Wolfgang: "Das Objektiv dem Dorfe zu!" Land und Landschaft in der proletarischen Amateurfotografie der Weimarer Republik. (Ausstellungskatalog "Bilder machen", Altana-Galerie der TU Dresden, April 2010)
- Hesse, Wolfgang: "Wir wollen montieren." Fotomontagen als proletarische Volkskunst (Zeitschrift für Volkskunde, 2. Bd. 2010, Herbst 2010)
- Hesse, Wolfgang: "Der Unterricht muß auch auf der Straße erteilt werden." Stadtraum und Bildraum in der deutschen Arbeiterfotografie (Ausstellungskatalog Museo Reina Sofia Madrid, engl./spanisch, März 2011)
- Hofreither, Herbert: Arbeiterfotografie als "Soziale Waffe". Zur fototheoretischen Diskussion der inhaltlichen Aufgaben und Motive sowie des formalen Genres der "Foto-Reportage" in der Zeitschrift "Der Arbeiter-Fotograf" in der Weimarer Republik von 1926 – 1932, Diss. Wien 1990.
- Kaiser, Josef: Der Arbeiter-Lichtbild-Bund. Ein Beitrag zur Geschichte und Programmatik der Arbeiterfotografenbewegung in der Weimarer Republik, Magister-Arbeit Mannheim 1990.
- Kerbs, Diethart: Botschaften von Überlebenden: Vorbemerkungen zur Geschichte der Arbeiterfotografie, in: Baumgartner, Judith und Wedemeyer-Kolwe, Bernd (Hg.): Aufbrüche – Seitenpfade – Abwege. Suchbewegungen und Subkulutren im 20. Jahrhundert, Würzburg o.J. (2004).
- Kerbs, Diethart: Zur Geschichte und Bedeutung der Arbeiterfotografenbewegung, in: Jürgen Matschie (Hg.): Erich Rinka. Fotograf, Bautzen 2007, S. 20-27.
- Knapp, Rainer: Ernst Thormann, Leipzig 1981.
- Körner, W., und Stüber, J.: Die Arbeiterfotografenbewegung 1926-1933, in: Verband Arbeiterfotografie (Hg.): Arbeiterfotografie, Berlin (2. Aufl.) 1979, S. 25-68 [ISGV]
- Körner, Wilhelm: Sozialdemokratische "Lichtbildpflege" in der Weimarer Republik. Arbeiterfotografie zwischen fotografischem Experiment und engagiertem Fotoschaffen, in: Alltag 2. Jahrbuch der sozialdokumentarischen Fotografie 1980/1981, Hamburg 1980, S. 160-173 [Hesse]
- Kulturbund der Deutschen Demokratischen Republik. Zentrale Kommission Fotografie (Hg.): Symposium zu geschichtlichen und theoretischen Aspekten des Mediums Fotografie der 20er Jahre. Leipzig/Dessau 1980, Berlin 1981.
- Lüdke, Alf: Industriebilder - Bilder der Industriearbeit? Industrie- und Arbeiterphotographie von der Jahrhundertwende bis in die 1930er Jahre. In: Historische Anthropologie 1 (1993), S. 394-430; Nachdruck in: Irmgard Wilharm (Hg.): Geschichte in Bildern. Von der Miniatur bis zum Film als historische Quelle. Pfaffenweiler 1995 (= Geschichtsdidaktik. Studien, Materialien. Neue Folge, Bd. 10), S. 47-92.
- Matschie, Jürgen (Hg.): Erich Rinka. Fotografie, Bautzen 2007.
- Rinka, Erich: Fotografie im Klassenkampf, Ein Arbeiterfotograf erinnert sich, Leipzig 1981.
- Ruelfs, Esther: Machen Arbeiter Arbeiterfotos? Die Fotografien der ersten deutschen Arbeiterexpedition in den Kaukasus, in: Brunner, Ursula (Bearb.): Kaukasus, München 2002 (= Schriftenreihe des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung, 4), S. 62-77.
- Strauss, Helfried, und Klein, Alfred: Walter Ballhause / Johannes R. Becher: Überflüssige Menschen. Fotografien und Gedichte aus der Zeit der großen Krise, Leipzig 1981.
- Uka, Walter: Zur Rezeption der Arbeiterfotografie in Ost und West nach 1945, in: Diethart Kerbs und Walter Uka: Fotografie und Bildpublizistik in der Weimarer Republik, Bönen 2004. S. 209-220.
- Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands (Hg.): Der Arbeiter-Fotograf, Berlin 1.1926/27-7.1933, 2 (Febr.).
- Vier, Peter: Die Herausbildung der Arbeiterfotografenbewegung in Deutschland und die Entwicklung der Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands (VdAFD) zu einer proletarischen Organisation, Diss. Berlin 1987.
- Wurst, Werner (Hg.): Richard Peter sen. Erinnerungen und Bilder eines Dresdener Fotografen, Leipzig 1987.

