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    Mattern, Hermann

     

    Künstler-Datensatz 70084495

    * 1902.11.27 in Hofgeismar, † 1971.11.17 in Greimharting

    Tätig 1930-1938 in Potsdam & Berlin
    Tätig 1937 in Zeesen
    Tätig 1939 in Stuttgart
    Tätig 1955 in Kassel

    Gartenarchitekt
    Professor

    Nachweisland: Deutschland

    Keywords: Architektur- architecture


    Further information:

    Biografisches: Vor 100 Jahren, am 27. November 1902 wurde Hermann Mattern in der hessischen Kleinstadt Hofgeismar bei Kassel geboren. Seine Lebensspanne umfaßte das Kaiserreich, den ersten Weltkrieg, Revolution, Weimarer Republik, das 'Dritte Reich' mit dem zweiten Weltkrieg, den Zusammenbruch und die Teilung Deutschlands. Reaktionen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse markierten die Stationen seines Lebens. Fromme Eltern verschiedener Glaubensrichtungen und seine sieben Geschwister ließen ihn liberal und distanziert aufwachsen. Er wehrte sich gegen die heuchlerischen bürgerlichen Konventionen, indem er mit zehn Jahren dem 'Wandervogel', einer Gruppe der deutschen Jugendbewegung beitrat, wo Jungen und Mädchen gemeinsam die heimatliche Landschaft durchwanderten. Die Erlebnisse eines älteren Bruders im ersten Weltkrieg machten ihn zum Pazifisten. Aus Neigung zum Landschaftsbau und dem Bestreben, schnell unabhängig zu werden, wurde er Gärtner. Nach Lehr- und Wanderjahren studierte er von 1924-26 an der 'Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau' in Berlin-Dahlem das Fach Landschaftsgestaltung, war daneben aber auch Gasthörer am 'Bauhaus' in Weimar bei Walter Gropius und Oskar Schlemmer. Er arbeitete kurze Zeit bei den sozialreformerisch eingestellten Gartenarchitekten Georg Bela Pniower in Berlin und bei Leberecht Migge in der Künstlerkolonie Worpswede, bevor der international bekannte Staudenzüchter und Gartenschriftsteller Karl Foerster den begabten, noch sehr jungen Mann 1928 als Leiter seines Entwurfsbüros nach Bornim bei Potsdam holte. Hier wurde er in den humanistisch-liberalen später sogenannten 'Bornimer Kreis' von Gärtnern, Architekten, Musikern, Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern um Karl und Eva Foerster hineingezogen, zu dem z.B. Wilhelm Kempff, Hermann Hesse, Carl Zuckmayer und Käthe Kollwitz gehörten. Im Berlin der Zwanziger Jahre war er der Moderne verbunden durch Freundschaften und Kontakte mit Hugo Häring, Arthur Korn, den Brüdern Luckhardt, Hans Scharoun, Bruno und Max Taut und Martin Wagner. Vor diesem Hintergrund und in der von Peter Josef Lenné geschaffenen Potsdamer Kunstlandschaft, entwickelte Hermann Mattern zusammen mit Karl Foerster und seiner Studienkollegin und von 1928-34 Ehefrau Herta Hammerbacher einen neuen Gartenstil, den 'Bornimer Stil' oder, wie man in England sagt, die 'Foerster-Mattern-School'. Worin lag der Unterschied zu den etablierten Stilen? Die repräsentativen Bedürfnisse des Kaiserreiches und die Reformbestrebungen der Jugendbewegung relativierend, hatte sich in Deutschland der Jugendstil-Klassizismus mit geometrischen, streng architektonischen Gartenräumen entwickelt, vertreten z.B. durch Hermann Musthesius, Max Läuger und Erwin Barth. Die Gärten von Gertrude Jekyll in England mit ihren delikaten Farbkompositionen aus Stauden, Sommerblumen und Gehölzen, die durch die Arbeiten von William Robinson naturnaher und pflegeextensiver geworden waren, übten eine große Wirkung auf den Kontinent aus. In Deutschland war es besonders Willy Lange, der die Wild- und Waldrandstauden propagierte, um Gärten nach Motiven der Natur bauen zu können. Damit beeinflußte er stark Karl Foerster und die Ziele seiner Züchtungen, stand- und klimafeste Beetstauden, gartenfähige Wildstauden und Gräser anbieten zu können. In Bornim wurden nun aus einer am Heute orientierten, undogmatischen Haltung heraus zwanglos bewohnbare, landschaftliche Gartenräume entworfen mit fließenden Übergängen vom Haus zum Garten. Mattern erfaßte die innerste Form einer Landschaft und baute seine Gärten und Landschaften als Kunstwerke, einfach großzügig, die Räumlichkeit durch Bodenmodellierung und Pflanzung betonend, die Landschaft nachzeichnend und konzentrierend, ohne daß es jemals Miniaturlandschaften wurden. Gartenbilder des Bornimer Stils wurden von der neuen ökologischen Wissenschaft beeinflußt, die Foersterschen Züchtungen ermöglichten komprimierte ökologische Bilder, ohne daß sie pflanzensoziologisch stimmen mußten. Nur mit Ökologie könne man keine Gärten machen, sagte Hermann Mattern und er erprobte langlebige, pflegeleichte Lebensgemeinschaften von Stauden, Gräsern, Zwiebelgewächsen und Gehölzen. Das erste große Werk Matterns war 1928 ein an einem steilen Hang in Heidelberg gelegener, noch heute in Grundzügen existierender kubistischer Garten für den Nobelpreisträger Dr. Friedrich Bergius, ein Zusammenspiel von Steinkuben, Wasser und überquellenden Pflanzen. Als ab 1930 die Aktivitäten der Nationalsozialisten immer massiver wurden, sah Mattern, wie auch viele andere Intellektuelle und Künstler, die einzige Möglichkeit zu einer demokratischen Opposition im Beitritt zur Kommunistischen Partei. Er wurde deswegen in der Folgezeit politisch überwacht und zeitweilig von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen. 1935 gründete Hermann Mattern ein eigenes Entwurfsbüro und war am Aufbau der Arbeitsgemeinschaft Foerster-Mattern-Hammerbacher beteiligt. In dieser Zeit gab es unterschiedlichste private Auftraggeber, z.B. Albert Speer, der sich 1935 einen Hausgarten in Berlin anlegen ließ und Mattern Anfang der 40er Jahre wiederholt eine Professur anbieten ließ, die dieser jedoch "unter dieser Regierung" ablehnte. Oder der jüdische Fabrikant Silbermann in Brandenburg, für den Mattern 1937 zusammen mit Scharoun einen geschützten Badegarten baute. Er entwarf Wohngärten z.B. für Fritz Lang und Thea von Harbou, für Hans und Marlene Poelzig und für Oskar Moll in Berlin, für Wilhelm Kempff in Potsdam und Dr. Anthony van Hoboken in Wien. 1930 legte er die terrassierten Außenanlagen am Verwaltungsgebäude der IG Farben in Frankfurt am Main an. 1936 gewann Mattern mit dem Architekten Gerhard Graubner den 1. Preis für die Reichsgartenschau 1939 auf dem Killesberg in Stuttgart, auch als "Weltgarten" bezeichnet, also nicht "völkisch" und als "Matternismus" heftig angegriffen wegen seiner liberalen Gestaltung unter Vermeidung jeder Achsialität und Symmetrie. Ein reiches Sortiment von Stauden und Gehölzen, kombiniert mit vorhandener Spontan-Vegetation, führte von Parkraum zu Parkraum mit Durchblicken und Fernsichten. Der Killesberg wurde das bekannteste Werk Matterns und machte in breiter Öffentlichkeit Schule. 1936 konnte ihn 'Reichslandschaftsanwalt' Alwin Seifert zur landschaftlichen Einbindung der Berliner Autobahn holen, mit dem Argument, er brauche dazu keine Parteigenossen, sondern die besten Fachleute. Im Krieg wurde diese Arbeit umgewandelt zur 'Fachberatung für Ernährungsfragen, Obst- und Gemüseanbau' bei der Organisation Todt. Mattern legte vor allem in Rußland und Frankreich große Obst- und Gemüsegärten an, begrünte Siedlungen in Deutschland und entwarf ein Grünsystem nach sozialreformerischen Gesichtspunkten für Prag. Diese Arbeiten ersparten ihm den Kriegsdienst mit der Waffe. Hermann Mattern hatte 1935 die Fotografin Beate zur Nedden geheiratet, die seine Werke fotografierte, ein Fotoarchiv aufbaute und bis zu seinem Tode die meisten seiner Bücher, Aufsätze und Vorträge formulierte. Sie erwarben 1938 einen einsamen, armen Bergbauernhof oberhalb des Chiemsees, den sie während des Krieges unter primitiven Bedingungen zu einer Lebensgrundlage für Verwandte, Freunde und viele Pflegekinder machten. Nach Kriegsende ließen Empfindlichkeit und Hellhörigkeit gegenüber dogmatischer Engstirnigkeit Matterns Entscheidung früh für den Westen fallen. Eine seiner interessantesten Arbeiten begann 1945 mit der genossenschaftlich aufgebauten Flüchtlingssiedlung Hinrichssegen in Oberbayern, wo er die gesamte Anlage mit allen Gebäuden, von den erweiterbaren Nebenerwerbsanwesen, einschl. Tuchfabrik, Lehrlingswohnheim usw. bis hin zur Inneneinrichtung entwarf. Es folgten 1949 die Gartenanlagen der Villa Hammerschmidt, am Palais Schaumburg und dem Bundeshaus in Bonn. 1950 konnte er den Killesberg mit der Deutschen Gartenschau wiederherstellen, die Bundesgartenschau Kassel 1955 leitete für die zerstörte Stadt einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung ein, 1958 wurde seine Sonderausstellung 'Landwirtschaft' auf der Weltausstellung in Brüssel gezeigt. Von 1956-58 führte er ca. 200 Aussiedlungen von landwirtschaftlichen Betrieben aus beengter Dorflage in Baden-Württemberg, Franken und Hessen durch. Daraus resultierte die von ihm mit Jürgen Barth propagierte 'Landschaftsaufbauplanung', die nicht nur auf Erhaltung, sondern auf Entwicklung und Stärkung der Landschaft zielte. Hermann Mattern wollte eine Wohnlandschaft schaffen, in der die Menschen leben konnten, also wohnen, arbeiten, sich erholen und für die Gemeinschaft betätigen. Er forderte, den Raum ganz intensiv und konzentriert zu nutzen, um die Umwelt vor weiterem unnützen Verbrauch zu bewahren. Neben Kurparken, Studentendörfern, Friedhöfen und Kleingärten galt Matterns besondere Liebe den "kleinsten Zellen der Landschaft" wie er sie nannte, den unzähligen Hausgärten, die er zwischen 1948 und 1969 baute, darunter wieder für viele bekannte Bauherren, wie Dujardin, Ferdinand Möller, Dr. Frowein, Dr. Josef Witsch, Baron von Bethmann, Thonet, Ströher und Dedi in Deutschland, aber auch den Garten Peyron in Schweden, einen Garten für Henri Kahnweiler in Frankreich oder die Erweiterung des Rhododendronparkes von Dr. Robert Hirsch in Basel, der sich vorher genauestens über die politische Vergangenheit Matterns informiert hatte. Auch eine Anzahl sehr schöner, interessanter Einfamilienhäuser, meist auf äußerst schwierigen Grundstücken, wurden nach seinen Entwürfen gebaut, z.B. Haus Paepke in Carlsdorf 1958 oder Haus Ohlmer in Hardegsen 1960. 1948 war Mattern Berater bei der Wiedereinrichtung der Werkakademie Kassel nach Bauhausvorbild, hier aber mit Gleichrangigkeit der Landschaftsarchitektur und in Teamarbeit mit den anderen Disziplinen. Er gehörte zu den Wiederbegründern der 'Deutschen Gartenbaugesellschaft', war Gründungsmitglied der Kunstausstellung 'documenta' und wurde 1961 als Ordinarius an die Technische Universität Berlin berufen. 1965 stiftete er die 'Karl-Foerster-Stiftung für angewandte Vegetationskunde', 1966 initiierte er den 'Peter-Josef-Lenné-Preis für junge Garten- und Landschaftsarchitekten' mit inzwischen weltweiter Teilnahme. Er leitete die Erhaltung der 'Bücherei des Deutschen Gartenbaues' in die Wege, war Mitglied der Akademie der Künste Berlin, Mitherausgeber der 'Bauweltfundamente' und der Zeitschrift 'Pflanze und Garten'. Er schrieb, meistens in Zusammenarbeit mit seiner zweiten Frau Beate zur Nedden, zahlreiche Aufsätze und mehrere Bücher über Gärten und Umweltprobleme, darunter 'Freiheit in Grenzen', 1937; 'Die Wohnlandschaft', 1950; 'Gärten und Gartenlandschaften', 1960; 'Gras darf nicht mehr wachsen', 1964. Am 17. November 1971 starb Hermann Mattern auf seinem geliebten Bergbauernhof in Oberbayern. Sein Grab ist auf dem Dorffriedhof in Greimharting zu finden. (Grüner Anzeiger, H. 6, 2002, Vroni Heinrich, )


    Literature:
    • Frank, Hartmut: Faschistische Architekturen. Planen und Bauen in Europa 1930-1945. Hamburg 1985, S. 27, 273 f., 277 ff.

    Urheber Metadaten: Foto Marburg

    Permalink:

    http://www.deutschefotothek.de/documents/kue/70084495

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