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Deutsch-Ostafrikaexpedition 1906-1907

Von 1906 bis 1907 unternahm der Ethnologe Karl Weule (1864-1926) während des Maji-Maji-Krieges eine Expedition durch Tansania. In Begleitung eines Koches, zweier Diener, von vierundzwanzig Trägern sowie einiger deutscher Kolonialsoldaten bereiste er den südlichen Teil der deutschen Kolonie zu Pferde und zu Fuß. Ziel dieser Reise war die ethnologische Erforschung der lokalen Bevölkerung: Weule dokumentierte deren Mythen, ließ Zeichnungen anfertigen und nahm mittels eines Phonographen Gesänge sowie mit einer Fotokamera über 1.000 Bilder auf. Unterstützt wurde die Reise von der Kommission für landeskundliche Forschung der deutschen Schutzgebiete des Reichskolonialamtes, die von dem Geographen Hans Meyer (1858-1929) geleitetet wurde, sowie vom Museum für Völkerkunde zu Leipzig.

Fotografie war für Karl Weule ein Mittel der ethnographischen und anthropologischen Dokumentation, sowohl der materiellen Kultur, wie etwa die Masken der Makonde oder die Fresken an den Hütten Einheimischer, als auch kulturelle Rituale (ein Tanz der Wasamo oder eines Tanzstils des Rituals Unyago der Swahili), handwerkliche Praktiken (die Herstellung von Stoffen aus Baumrinde, den Hüttenbau oder das Schmelzen von Messing) oder die Herstellung und Konsumption von Nahrungs- und Genussmitteln (der Anbau von Sorghum-Hirse, das Stampfen, Worfeln und Reiben von Korn oder das Trinken von Pombe-Bier). Zum Portfolio gehören auch Aufnahmen der Moschee und muslimischer Grabstätten in Lindi sowie von Gehöften der Nyasa. Zahlreiche Bilder dokumentieren Weules ethnographische Feldforschungen während der Expedition: Sie zeigen die Arbeit mit dem Phonographen oder auch in Weules Auftrag von Einheimischen angefertigte Zeichnungen. Zusammen mit 98 anthropometrischen Einzel- und Gruppenportraits, die auf insgesamt 218 Fotografien Männer, Frauen und Kinder verschiedener ethnischer Gruppen en face und im Profil zeigen, sind Weules Fotografien somit Teil einer umfangreichen, ethnologischen und anthropologischen Bestandsaufnahme des südlichen Tansanias um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Hinzu kommen kolonialhistorisch relevante Bildquellen: Fotografien sogenannter Bomen, das heißt von befestigten Gebäuden der deutschen Kolonialverwaltung in Lindi oder Mahuta, von Stadtansichten in Daressalam, eines Pfarrhauses, einer Kirche oder des Neubaus einer Bibliothek zeigen den Einfluss und das Wirken der europäischen Missionare sowie der Vertreter der deutschen Kolonialverwaltung in Deutsch-Ostafrika. Aufnahmen deutscher Kolonialsoldaten verweisen auf die aufgrund des Maji-Maji-Krieges hohe militärische Präsenz der Deutschen im südlichen Teil der Kolonie.

Seine ursprünglich geplante Route in den Norden der Kolonie musste Karl Weule aufgrund von Aufständen in der Gegend der Stadt Kondoa verwerfen. Nach der Anreise mit dem Reichspostdampfer Prinzregent Luitpold durch den Suezkanal nach Daressalam führte ihn seine neue Route deshalb mit einem Regierungsdampfer entlang der Küste nach Süden in die Hafenstadt Lindi. Dort brach er zusammen mit weiteren Expeditionsmitgliedern zu Fuß ins Landesinnere auf. In südwestlicher Richtung dem Verlauf des Lukuledi-Flusses folgend ging es durch Mtua, Mtama, Nyangao im Regierungsbezirk Lindi bis in die Stadt Lukuledi im Regierungsbezirk Mtwara und Richtung Süden über Masasi, Mwiti und Mkululu bis zur Mündung des Mbangala- in den Rovuma-Fluss bei Mesaula. Im dortigen Gebiet der Yao wurden umfangreiche ethnografische Feldforschungen unternommen, bevor es in östlicher Richtung nach Newala und Mahuta weiterging. Einem weiteren Forschungsaufenthalt am Rovuma-Fluss folgte schließlich die Rückreise nach Norden. Über Luagala (im Regierungsbezirk Mtwara) und entlang des Lukuledi-Flusses erreichte die Expedition am 17. November 1906 wieder Lindi, von wo aus Weule mit dem Schiff über Daressalam, Tanga und Suez nach Deutschland zurückkehrte.

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Publikationen

  • Weule, Karl: Negerleben in Ostafrika. Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise, Leipzig 1908.
  • Weule, Karl: Ostafrikanische Eingeborenen-Zeichnungen. Psychologische Einblicke in die Künstlerseele des Negers, Leipzig 1926.

Literatur

  • Johnston, H.: Dr. Weule’s Expedition to German East Africa. In: Journal of the Royal African Society, Vol. 8, No. 32 (Jul., 1909), pp. 383-386.
  • Zimmermann, Andrew: “What Do You Really Want in German East Africa, Herr Professor?” Counterinsurgency and the Science Effect in Colonial Tanzania. In: Comparative Studies in Society and History 48 (2006): 419-461.