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Südamerikareise 1926-1929

Carl Troll

Die Südamerikareise des Geographen Carl Troll (1899-1975) hatte vorrangig die Erforschung landschaftsökologischer Zusammenhänge in den Anden zum Ziel. Der Geograph vermaß Routen und Höhenprofile, kartographierte große Teile der bolivianischen Anden mit photogrammetrischen Verfahren und erstellte aus gesammelten Pflanzen ca. 16.000 Herbarbögen. Zudem dokumentierte er die Vergletscherung, das Klima, die Vegetation und die Landwirtschaft in den tropischen Anden und nahm geochronologische Untersuchungen zum quartären Zeitalter des Hochlandes vor. Außerdem wurden 1315 Kunststoffnegative im Format 9 x 12 cm überliefert, die Troll während seiner Reisen aufnahm. Bei einigen handelt es sich um Luftaufnahmen, die der Geograph vermutlich bei Flügen mit der deutsch-kolumbianischen Fluggesellschaft Sociedad Colombo Alemana de Transportes Aereos (SCADTA) anfertigte. Auf der Grundlage dieser Aufnahmen entwickelte er später methodische Verfahren zur Interpretation geographischer Luftbildfotografien. Die ersten 18 Monate wurde Carl Troll durch eine finanzielle Beihilfe der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft gefördert, der Vorgängerorganisation der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Von Mai bis Juli 1928 nahm er als wissenschaftlicher Teilnehmer an der Expedition des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins zur Cordillera Real Teil. Von August 1928 bis September 1929 arbeitete er für die SCADTA. Außerdem verkaufte er Herbarbelege zur Finanzierung seiner Reisen.

Die Rekonstruktion der Reiseroute erfolgte mithilfe von publizierten Reisebeschreibungen und Karten Carl Trolls sowie Findmitteln zum Bestand. Für 310 der insgesamt 1315 Aufnahmen lassen sich tagesaktuelle Aufnahmezeitpunkte bestimmen, die zwischen dem 09. Juni 1926 und dem 25. November 1927 liegen. 15 weitere Aufnahmen entstanden im August, September und Dezember 1926. Die Aufnahmezeitpunkte der übrigen 991 Fotografien liegen im Zeitraum von Carl Trolls Südamerikareise zwischen 1926 und 1929. In Bolivien und Chile lassen sich für 693 Aufnahmen konkretere Aufnahmestandorte wie Städte, Ortschaften oder zumindest politische Verwaltungseinheiten wie Municipios oder Departamentos bestimmen. Weitere 619 Aufnahmen wurden in Bolivien sowie 3 in Chile aufgenommen.

Die Reise erfolgte in fünf Etappen. Von Juni bis September 1926 erkundete Troll das Altiplano-Hochland mit dem Talsystem des Rio de La Paz, dem Titicacaseebecken und der Gegend um die Stadt Mapiri am Ostrand der Cordillera Real. Vom 19. November bis zum 22. Dezember 1926 folgte zusammen mit dem österreichischen Archäologen und Forschungsreisenden Arthur Posnansky (1873-1946) die Desaguaderoexpedition. Auf einer Motorbarke fuhren die Wissenschaftler den Rio Desaguadero vom Titicacasee bis zum Lago Poopo herunter. Troll führte diese Reise bis Januar 1928 alleine auf dem Landweg fort. Er gelangte bis zum Hochgebirgssee Salar de Coipasa. Von März bis Anfang Mai 1928 schloss der Geograph eine umfangreiche Reise durch die zentralen Anden Südamerikas an: Von La Paz über den mittleren Altiplano erreichte er die bolivianische Ortschaft Curahuara de Carangas und anschließend über die Westkordillere die chilenische Stadt Arica. Er durchquerte die Atacama-Wüste von Tacna in Peru nach Iquique in Chile und überquerte danach erneut die Westkordillere. Über das südliche Altiplano-Hochland zwischen den Hochgebirgsseen Salar de Coipasa und Salar de Uyuni hindurch erreichte er die bolivianischen Provinzen Sur- und Norchicas und Linares und schließlich die Stadt Potosi. Von Mai bis Juli war Troll wissenschaftlicher Teilnehmer der Anden-Expedition des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins in das Illampu-Gebiet in der Cordillera Real. Im Auftrag der SCADTA flog er schließlich von August 1928 bis September 1929 nach Kolumbien, Ecuador und Panama.

Carl Trolls Aufnahmen spiegeln sein wissenschaftliches Interesses an den regionalspezifischen Wechselbeziehungen zwischen geologischen, klimatischen, botanischen, hydrologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren in der Andenregion wider. Die Bilder aus Bolivien zeigen die Vergletscherung auf Andengipfeln wie dem Ancohuma oder dem Illampu. Sie dokumentieren Wetterlagen über der Cordillera Real und der Altiplano-Hochfläche, den Verlauf von Flüssen wie dem Rio Desaguadero oder dem Rio Pilcamayo und die geographische Ausdehnung von Hochgebirgsseen wie dem seit 2015 ausgetrockneten Lago Poopó oder dem Titicacasee. Des Weiteren wurden die Wuchsorte endemischer Kakteengewächse oder des sogenannten Anden-Edelweißes (Culcitium canescens) fotografisch dokumentiert. Zusammen mit fotografischen Studien zur Verteilung landwirtschaftlicher Anbauflächen, zur Infrastruktur und zu kulturellen Praktiken der Anden-Bewohner ergibt sich ein komplexes Bild der landschaftsökologischen Zusammenhänge in den bolivianischen Anden. Carl Trolls Fotografien zeigen die Hochgebirgswelt der Anden im frühen 20. Jahrhundert vor ihrem gravierenden Wandel durch die Auswirkungen von Urbanisierung, Klimawandel und Landwirtschaft.

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Publikationen

  • Troll, Carl: Anden und Cordillera Real. In: Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Bd. 60, Innsbruck 1929, S. 35-53.
  • Troll, Carl: An Expedition to the Central Andes 1926-28. In: The Geographical Review, XIX, New York 1929, S. 234-247.
  • Troll, Carl: Die Cordillera Real. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Heft 7/8, Berlin 1928, S. 279-312.
  • Troll, Carl: Die zentralen Anden. Die bisherigen Ergebnisse seiner Zentral-Anden-Expedition im Rahmen einer physiographischen Skizze. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde. Jubiläums-Sonderband, Berlin 1928, S. 92-118, Karte I.
  • Troll, Carl: Forschungen in den Anden. In: Forschung und Fortschritte. Nachrichtenblatt der deutschen Wissenschaft und Technik, 5 Jg., 1929, S. 93-94.
  • Troll, Carl: Forschungsreisen im unbekannten Nordwesten Südamerikas. In: Forschung und Fortschritte. Nachrichtenblatt der deutschen Wissenschaft und Technik, 5 Jg., 1929, S. 224-225.
  • Troll, Carl: Forschungsreisen in den zentralen Anden von Bolivien und Peru. In: Petermanns geographische Mitteilungen, 73. Jahrgang, Gotha 1927, S. 125-135.
  • Troll, Carl: Forschungsreisen in den zentralen Anden Südamerikas. In: Petermanns geographische Mitteilungen, 74. Jahrgang, Gotha 1928, S. 100-103, Tafel 10-13.
  • Troll, Carl: Meine Anden-Expedition 1926-1929. In: Deutsche Forschung. Aus der Arbeit der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, Heft 13: Reisen und Ausgrabungen, Berlin 1930, S. 56-75.
  • Troll, Carl: Reisen in den östlichen Anden Boliviens. In: Dr. A. Petermanns Mitteilungen, 75. Jahrgang, Gotha 1929, S. 181-188, Tafel 11-13.
  • Troll, Carl: Über seine Forschungen auf dem Hochlande von Bolivien. Brief an Professor A. Penck. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Berlin 1927, S. 226-230.
  • Troll, Carl: Über seine Forschungen in der bolivianischen Ostkordillere. Brief an Geheimrat Penck. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Berlin 1929, S. 49-50.
  • Troll, Carl: Vom Titikakasee zum Poopósee und zum Salar in Coipasa. In: Petermanns geographische Mitteilungen, 73. Jahrgang, Gotha 1927, S. 218-222.

Literatur

  • Lautensach, Hermann: Carl Troll. Ein Forscherleben. In: Erdkunde. Archive for scientific geography, Band 13, Heft 4, Bonn 1959, S. 245-258.