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Ost- und Südafrikaexpedition Troll-Wien 1933-1934

Carl Troll und Karl Wien

Die Ost- und Südafrikaexpedition der Geographen Carl Troll (1899-1975) und Karl Wien (1906-1937) hatte die Erforschung der klimatischen und biologischen Lebensbedingungen in den afrikanischen Hochgebirgen zum Ziel. Weiterhin sollte die landwirtschaftliche Entwicklung und die damit zusammenhängenden Probleme in den Gebieten der europäischen Kolonialmächte in Ost- und Südafrika untersucht werden. Zu diesen Zwecken unternahmen die Geographen mikroklimatische Messungen, erstellten eine Pflanzensammlung mit 2.100 Exemplaren, eine Sammlung in Alkohol eingelegter, tropischer Grünrinden und für das Museum für vergleichende Länderkunde der Stadt Leipzig eine geographische Sammlung. Außerdem entstanden nach Angaben von Carl Troll insgesamt ca. 6.000 Fotografien, von denen 3546 Kunststoffnegative im Format 9 x 12 cm von Troll und 167 Kleinbildaufnahmen von Wien überliefert wurden. Weitere von Wien aufgenommene Kleinbildfilme sind bei den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Vereinzelt, wie am Lewis-Gletscher des Mount Kenya wurden zudem photogrammetrische Messdaten erhoben. Gefördert wurde die Expedition durch das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft (später: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)), die Kultur- und die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, die Preußischen und Bayrischen Akademien der Wissenschaften und die Deutsche Kolonialgesellschaft. Die Stadt Leipzig förderte das Anlegen der Sammlung für das Museum für Länderkunde. Vor Ort erhielten die Reisenden umfangreiche Unterstützung von den italienischen und englischen Kolonialverwaltungen. Sie nutzten über weite Strecken die Eisenbahn und das Automobil. Entlang der Ostküste des afrikanischen Kontinents fuhren Troll und Wien mit dem Schiff. Teilweise kamen auch Reittiere zum Einsatz, lediglich die Berge bestiegen sie zu Fuß.

Die Rekonstruktion der Reiseroute erfolgte mithilfe von publizierten Reisebeschreibungen und Karten Carl Trolls. Findmittel wurden keine überliefert. Die Route lässt sich in drei Etappen unterteilen: Die erste führte von Oktober bis Dezember 1933 durch das abessinische Hochland in der italienischen Kolonie Eritrea und im Anglo-ägyptischen Sudan. Von Januar bis August 1934 folgte eine Rundreise durch die britischen Kolonien Tanganjika und Kenia. Und im selben Zeitraum hatte die dritte Etappe anschließend die Erkundung der südafrikanischen Provinz Natal und der Drakensberge in der britischen Kronkolonie Basutoland zum Ziel.

Nach der Anreise mit dem Dampfer Ussukuma der Woermann-Linien nach Massaua in Eritrea mit Zwischenstopp in Port Sudan, unternahmen Troll und Wien zwischen dem 13. Oktober und dem 22. Dezember 1933 von der eritreischen Hauptstadt Asmara aus verschiedene Fahrten. Zwei kurzen Ausflügen in die italienischen Kaffeeanbaugebiete in Faghena-Merara nördlich von Asmara und zum Klosterberg Monte Bizen folgten drei längere Reisen ins südliche Altiplano-Hochland an der Grenze zum Kaiserreich Abessinien, ins Hinterland der eritreischen Küste sowie in den Norden der italienischen Kolonie zu den Städten Keren und Nakfa. Vom 22. Dezember 1933 bis zum 1. Januar 1934 ging die Route von Asmara in den Anglo-ägyptischen Sudan, über die Städte Kassala, Sinkat und Erkowit und erneut nach Port Sudan, wo die Geographen am Neujahrstag 1934 ankamen. Am 4. Januar 1934 gingen sie an Bord des Dampfers Tanganjika für die Überfahrt in die Hafenstadt Daressalam in Tansania.

Die zweite Etappe begann nach eintägigen Aufenthalten in den Hafenstädten Mombassa und Tanga sowie einer Rundfahrt über die Insel Sansibar am 17. Januar in Daressalam. Troll und Wien fuhren in das Ulugurugebirge, die Ukaguru-Berge, die Nguruberge und das Ugogo-Hochland. Über die Stadt Dodoma ging es in den Süden bis nach Iringa und anschließend in den Norden der britischen Kolonie. Weitere Ziele auf der Route waren der Mount Hangang, der Mount Meru und die Durchquerung der Kilimandscharo-Region. In Kenia ging die Reise über die Hauptstadt Nairobi zum Mount-Kenya-Massiv und anschließend zum Victoriasee, den die beiden Geographen über Uganda umrundeten. Die Rückreise zur Küste führte erneut über Dodoma nach Daressalam, wo sich Troll und Wien in Richtung Durban einschifften.

Nach kurzen Zwischenstopps in den mosambikanischen Hafenstädten Beira und Maputo begann die dritte Etappe in der südafrikanischen Hafenstadt Durban. Von der Küste aus durchquerten Troll und Wien die Provinz Natal bis in die Drakensberge. Einer Rundreise durch das Gebirge in Natal und der britischen Kronkolonie Basutoland, dem heutigen Königreich Lesotho, folgte die Südwestdurchquerung der Südafrikanischen Union. Von Kapstadt aus erfolgte die Rückreise mit dem Schiff über Häfen im südafrikanischen Protektorat Südwestafrika und in der portugiesischen Kolonie Angola nach Europa.

Die Aufnahmen spiegeln die wissenschaftlichen Ziele der Ost- und Südafrikaexpedition wider. Im Rahmen der Forschungen zu den klimatischen und biologischen Lebensbedingungen in den afrikanischen Hochgebirgen fotografierten Troll und Wien zahlreiche Pflanzen wie Aloegewächse, Akazien, Opuntien oder Kandelaber-Euphorbien. Zum Teil wurden auch die Wuchsorte von Exemplaren für die Pflanzensammlung fotografisch dokumentiert. Motive, die Wetterlagen, Gewässer wie die Flüsse Ngerengere und Ruaha in Tansania, den Victoriasee oder temporär ausgetrocknete Flussbetten in Eritrea zeigen, dienten der Dokumentation der klimatisch bedingten Wasserkreisläufe in den Hochgebirgsregionen. Zusammen mit fotografischen Studien zum Stausee des Magreb-Flusses bei Tesseney, zur Verteilung landwirtschaftlicher Anbauflächen, zur Viehwirtschaft, zur vorhandenen Infrastruktur und zu kulturellen Praktiken der lokalen Bevölkerungen ergibt sich ein komplexes Bild der Zusammenhänge zwischen geographischen Voraussetzungen und traditionellen Kulturen. Hinzu kamen Aufnahmen von deutschen Farmen in Tansania oder italienischen Kaffeepflanzungen nahe des eritreischen Berges Fagenain sowie von Infrastruktur wie Eisenbahnstrecken oder Straßen, die Fortschritte der europäischen Kolonialisation dokumentieren sollten. Die Fotografien der Ost- und Südafrikaexpedition der Geographen Carl Troll und Karl Wien geben somit einen komplexen Überblick über die landschaftsökologischen Zusammenhänge in den afrikanischen Hochländern sowie lokalen Bedingungen und den Einfluss von Ackerbau und Viehzucht in den 1930er Jahren. Weiterhin gehören touristisch anmutende Reiseaufnahmen zum Bestand, die beispielsweise die Große Sphinx von Gizeh, das koptische Kloster auf dem eritreischen Berg Monte Bizen, Carl Troll beim Frühstück oder Karl Wien beim Kaffeetrinken im hintersten Wagon der Tanganjikabahn zeigen.

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Publikationen

  • Troll, Carl: Bericht über eine Forschungsreise durch das östliche Afrika. In: Koloniale Rundschau. Zeitschrift für koloniale Länder-, Völker-, und Staatenkunde, 26. Jahrgang, Heft 5, Berlin 1935, S. 273-306.
  • Troll, Carl: Bericht über eine Forschungsreise durch das östliche Afrika. IV. Reisen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika. Mandat Tanganjika Territory. Uluguru. In: Koloniale Rundschau. Zeitschrift für koloniale Länder-, Völker-, und Staatenkunde, 27. Jahrgang, Heft 3, Berlin 1936, S. 209-219.
  • Troll, Carl/Wien, Karl: Der Lewisgletscher am Mount Kenya. In: Geografiska Annaler. Vol. 31. Glaciers and Climate: Geophysical and Geomorphological Essays, Stockholm 1949, S. 257-274.

Literatur

  • Lautensach, Hermann: Carl Troll. Ein Forscherleben. In: Erdkunde. Archive for scientific geography, Band 13, Heft 4, Bonn 1959, S. 245-258.