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Deutsche Indien-Expedition 1926/1929

Egon Freiherr von Eickstedt

Die Deutsche Indien-Expedition des Anthropologen Egon von Eickstedt (1892-1965) und seiner Frau Enjo (1893-1965) hatte das Sammeln kultureller Objekte, die Erhebung umfangreicher physiognomischer Messdaten und das Anfertigen ethnologischer und anthropometrischer Fotografien der indigenen Bevölkerung des indischen Subkontinents zum Ziel. Finanziert wurde die Expedition vom Sächsischen Forschungsinstitut für Völkerkunde, dem Völkerkundemuseum zu Leipzig, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der Iseler-Stiftung und der König-Friedrich-August-Stiftung für wissenschaftliche Forschung zu Leipzig. Für ihre Feldforschungen bekam das Ehepaar zudem umfangreiche Unterstützung der lokalen Behörden. Während der Expedition wurden längere Strecken mit der Eisenbahn oder dem Schiff zurückgelegt. Außerdem reisten Egon und Enjo von Eickstedt auch mit dem Bus, dem Automobil sowie auf Elefanten oder zu Fuß mit Trägern.

Die Route der Deutschen Indien-Expedition untergliedert sich in sieben Teilexpeditionen. Nach der Einschiffung auf dem Linienschiff Fulda im November 1926 in Rotterdam erreichten Egon und Enjo von Eickstedt am 16. Dezember die Hafenstadt Colombo in Sri Lanka, von wo die erste Teilexpedition ihren Ausgang nahm.

Von Dezember 1926 bis Mai 1927 besuchte das Ehepaar verschiedene Unterethnien der Wedda in der Umgebung der Städte Bibile und Kalkudah auf der Insel sowie im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Die zweite Teilexpedition führte von Mai bis August zur ethnischen Gruppe der Sora, die in den Gebirgszügen der Ostgaths im heutigen indischen Bundesstaat Odisha leben. Die dritte Teilexpedition führte von August bis November 1927 durch Myanmar. Ziele waren die ethnischen Gruppen der Palaung im Nordosten der Stadt Mandalay und der Shan in der Umgebung von Lashio. Von November 1927 bis Januar 1928 erfolgte die vierte Teilexpedition auf die Inselgruppe der Andamanen zu den Onge und den Groß-Andamanern. Von Januar bis März 1927 war das Wissenschaftlerehepaar dann bei der Familie des indischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore (1861-1941) in Kolkata zu Gast. Die fünfte Teilexpedition unternahm Egon von Eickstedt ohne seine Frau von März bis Juli 1928 durch Südindien. Zu seinen Stationen gehörten die Städte Malabar, Thalassery und Kochi an der indischen Westküste, die Gebirgsketten der Westgaths sowie die Städte Chennai, Tinnevelli und Tumkur im Osten des Landes. Eickstedt besuchte die Ethnien der Pulayas, die Toda und die Kaste der Nayar bevor er im Juli seine Frau in Bombay wiedertraf, von wo diese ihre Heimreise antrat. Die sechste Teilexpedition führte von August bis Dezember 1928 nach Nordindien zu den Dom und weiteren ethnischen Gruppen bei Varanasi im Bundesstaat Udar Pradesh, in der Nähe der Stadt Ranchi im Bundesstaat Odisha, im Distrikt Ganjam und in den Bergen bei Keonjhar. Während der siebten Teilexpedition durchreiste Eickstedt von Dezember 1928 bis März 1929 verschiedene Bundesstaaten in Zentralindien. Ziele waren die ethnischen Gruppen der Pendra in der Nähe der Stadt Visakhapatnam, der Mardia in den Abhujmar-Bergen, der Chenchu in der Stadt Nandyal und der Korku in der Umgebung der Stadt Indore. Ausgehend von der Stadt Ajmer in der Provinz Rajasthan durchquerte Eickstedt die Wüste Thar bis zur Hafenstadt Karachi, von wo aus er die Heimreise antrat. Mit dem Schiff ging es weiter nach Basra im Persischen Golf und von dort auf dem Landweg durch den Irak, Syrien, den Libanon und die Türkei. Im April 1929 erreichte der Anthropologe wieder Europa.

Die Aufnahmen von der Deutsche Indien-Expedition untergliedern sich in ethnologische und anthropometrische Fotografien. Sie orientieren sich damit an den beiden wissenschaftlichen Zielsetzungen der Expedition.

Für die ethnologischen Fotografien ließ Egon von Eickstedt Tanzrituale verschiedener indischer Ethnien wie der Wedda, der Khond oder der Oraon reinszenieren. Die Verwendung von gesammelten Ethnografika wie Jagdwaffen, Musikinstrumenten, Ritual- und Alltagsgegenständen wurde für die Kamera nachgestellt, um deren kulturellen Kontext zu dokumentieren. Dieser Teilbestand umfasst zudem Bilder von Alltagspraktiken, wie das Sammeln von Honig, die Zubereitung von Waran-Fleisch, gemeinsame Mahlzeiten, der Transport von Kuhdung, Nahrungsmitteln und anderen Lasten oder auch landwirtschaftliche Anbaumethoden. Außerdem fotografierte der Anthropologe verschiedene Sakralbauten wie den Minakshi-Tempel in Madurai, den Kelaniya Tempel bei Colombo oder den Kali-Tempel in Varanasi. Die ethnologischen Aufnahmen dokumentieren somit die Vielfalt kultureller Ausdrucksweisen der Bevölkerung auf dem indischen Subkontinent und in Sri Lanka in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.

Auf der anthropometrischen Fotografie lag Eickstedts Hauptaugenmerk. Der Anthropologe sah darin ein zentrales Forschungswerkzeug, das ihm empirische Belege für seine rassentheoretischen Thesen liefern sollte. Der Teilbestand umfasst über 7.500 Typenaufnahmen, die Angehörige verschiedener ethnischer Gruppen in Einzel-, Doppel-, und Gruppenportraits zeigen. Eine einzelne anthropometrische Aufnahme setzt sich dabei meistens aus einer En-face-, einer Halbprofil- und einer Profilfotografie zusammen. Des Weiteren wurden die Portraitierten fotografisch zu sogenannten Identifikationsgruppen zusammengefasst. Dies sollte Größenvergleiche zwischen den einzelnen Individuen und die Rekonstruktion von Zusammenhängen zwischen den Einzelportraits ermöglichen. Verglichen mit ähnlichen zeitgenössischen Aufnahmen lassen Eickstedts anthropometrische Fotografien eine ungewöhnlich strenge formale Herangehensweise erkennen, welche die wissenschaftliche Akribie verdeutlicht, mit welcher der Anthropologe seinen methodischen Ansatz während der gesamten Expedition verfolgte. Zugleich stellen Mimik und Gestik oder auch Kleidungsstile die Versuche rassentheoretischer Normierungen, die diesen Aufnahmen zugrunde liegen, häufig auch in Frage, verweisen sie doch auf die vielfältigen sozialen und kulturellen Hintergründe der Portraitierten.

Publikationen in Auswahl

  • Eickstedt, Egon von: Deutsche Indien-Expedition. In: Dr. A. Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes‘ geographischer Anstalt, Bd. 73, 1927, S. 44, 166, 303.
  • Eickstedt, Egon von: Deutsche Indien-Expedition. In: Dr. A. Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes‘ geographischer Anstalt, Bd. 74, 1928, S. 109, 234.
  • Eickstedt, Egon von: Die Deutsche Indien-Expedition. In: Dr. A. Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes‘ geographischer Anstalt, Bd. 75, 1929, S. 35-36, 148.
  • Eickstedt, Egon von: Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit, Stuttgart 1934.
  • Eickstedt, Egon von: Überblick über Verlauf und Arbeiten der Deutschen Indien-Expedition 1926-1929. In Tagungsberichte der Gesellschaft für Völkerkunde, Bd. 1, 1930, S. 63-84.
  • Für ein vollständiges Werkverzeichnis Egon von Eickstedts, siehe: Preuß 2009, S. 365-375.

Literatur

  • Müller, Katja: Eickstedt in Südindien. In: Jahrbuch der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, Bd. 46, Berlin 2013, S. 227-236.
  • Müller, Katja: Die Eickstedt-Sammlung aus Südindien: Differenzierte Wahrnehmungen kolonialer Fotografien und Objekte. Peter Lang, Frankfurt 2015.
  • Preuß, Dirk: Anthropologe und Forschungsreisender. Biographie und Anthropologie Egon Freiherr von Eickstedts (1892-1965), München 2009, S. 31-50.

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