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Forschungsreisen durch Hainan 1931-1932

Die Forschungsreisen des deutschen Ethnologen und Anthropologen Hans Stübel (1885-1961) zur Insel Hainan in den Jahren 1931 und 1932 dienten ethnologischen Studien über die Li und andere ethnische Gruppen. Nach der Anreise mit Schiff und Automobil aus Shanghai unternahm Stübel in Begleitung zweier Dolmetscher, eines Kochs, eines Dieners und von sechs Trägern Rundwanderungen auf der Insel im südchinesischen Meer. Vorwiegend durch Ackerbau und tropische Vegetation geprägt war Hainan um 1930 infrastrukturell wenig erschlossen, die Reisegruppe war somit vorwiegend zu Fuß und auf schmalen Pfaden unterwegs. Nur vereinzelt, wie zwischen der Hafenstadt Haikou (Hoihow) und der Stadt Nodoa gab es Straßen, die Stübel mit dem Automobil befahren konnte. Die Rekonstruktion der Reiserouten für die Erschließung der Aufnahmen erfolgte auf Basis historischer Ortsbezeichnungen, einer zeitgenössischen Karte und der Bildunterschriften in Stübels Publikation „Die Li-Stämme der Insel Hainan“. Auf diese Weise ließen sich für die meisten Fotografien die Aufnahmeorte und -zeitpunkte exakt bestimmen.

Die Aufnahmen, die während der Forschungsreisen durch Hainan entstanden, spiegeln Stübels ethnologisches Interesse an den ethnischen Minderheiten auf der Insel wider. Mit der Dokumentation ihrer traditionellen Kulturen wollte der Ethnologe äußeren Einflüssen zuvorkommen, die den seiner Ansicht nach ursprünglichen Zustand auf der Insel bedrohten. Die Bilder zeigen Dörfer und Gehöfte verschiedener auf Hainan ansässiger Ethnien sowie die Baustile von Wohn- oder Vorratshütten. Neben dem Sammeln von Ethnografica gehörte auch die fotografische Dokumentation der materiellen Kultur der Li, Ha, Hakka, Ki und Miao zum Expeditionsalltag. Die Sammlung Hans Stübel umfasst Aufnahmen von Speeren, Steinschleudern und anderen Jagwaffen, von handgewebten und gebatikten Textilien, von Alltagsgegenständen wie Hüten, Fächern und Essstäbchen, von Ohrringen, Haarpfeilen und anderen Schmuckgegenständen sowie von rituellen Objekten wie einem Hühnerbeinorakel oder der Trommel eines Dorfoberhauptes. Hinzu kommen Aufnahmen mit agrarischen und handwerklichen Motiven, wie dem Pflügen von Reisfeldern, der Rohreisgewinnung, der Tuchweberei oder von Tragetechniken. Mit Portraits von Dorfbewohnern wollte Stübel sowohl Kleidungstile dokumentieren als auch anthropometrische Untersuchungen ermöglichen. Zusammen mit Landschaftsaufnahmen ergibt sich somit ein umfassendes Bild der traditionellen Kulturen und Lebenswelten auf der in den 1930er Jahren hauptsächlich agrarisch und handwerklich geprägten Insel im Südchinesischen Meer, bevor sich Hainan in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur größten Sonderwirtschaftszone und einer der wichtigsten Touristenregionen der Volksrepublik China entwickelte.

Die sechswöchige erste Forschungsreise nach Hainan begann am 24. Juli 1931 mit einer Fahrt mit dem Automobil von der Hafenstadt Haikou (Hoihow) nach Nodoa und am 29. des Monats weiter in das Dorf Namfeng, von wo aus am 31. Juli die eigentliche Wanderung ihren Ausgang nahm. Das erste Etappenziel in südwestlicher Richtung war das Dorf Hain-kai-tiän-tsiun. Am Tag darauf folgte die Ortschaft Ya-bing-tsuin. Nachdem Stübel am 2. August das Dorf Nga-tscha passiert hatte, erreichte er mit seinen Begleitern noch am selben Tag Da-kung, wo er Ethnografica erwarb. Am 10. August führte die Wanderung weiter nach Südosten bis zur Ortschaft Tji-kau, am darauffolgenden Tag nach Ya-han-tsuin, bevor man am 12. Da-hsin-gang erreichte. Von diesem Ort führte der Weg am 13. August nach Süden zum Weiler Ya-da-mau. Verschiedenen Ausflügen in die Umgebung folgte am 17. August die Rückkehr nach Da-hsin-gang und am Folgetag die Fortsetzung der Reise in südöstliche Richtung bis zum Dorf Fan-hau. Am 20. August kam Stübel in das Dorf Fang-yang, am 22. August nach Bau-tsuin und tags darauf nach Tau-lo. Von dort ging die Wanderung am 24. August zurück nach Bau-dsien und am 25. August bis zum Weiler Bau-hau. Am 26. August erreichte der Ethnologe die Stadt Ngai-hsiän. von wo es am Morgen des 28. August mit dem Automobil in die Stadt San-a-gang ging, wo Stübel drei Tage später mit einer Dschunke die Rückreise antrat. Er erreichte am 3. September die Hafenstadt Tjing lan, fuhr mit dem Automobil nach Haikou (Hoihow) und schließlich per Schiff auf das chinesische Festland zurück.

Wie im Vorjahr begann die achtwöchige zweite Forschungsreise nach Hainan am 19. Juli 1932 mit einer Automobilfahrt von Haikou (Hoihow) über Nodoa nach Namfeng, dem Ausgangspunkt der eigentlichen Wanderung, die dort am 21. Juli mit einem fünftägigen Ausflug in die Dörfer Tsung-We und Koi-du-tsuin im sogenannten Wu-schan, dem Hügelland südwestlich von Namfeng begann, der unter anderem die Aufnahme anthropologischer Fotografien bei dort lebenden Angehörigen der Volksgruppe der Li zum Zweck hatte. Am 27. Juli folgte die Ortschaft Hai-mong und am 1. August die Überquerung der nördlichen Gebirgskette Zentral-Hainans in südwestlicher Richtung. Die Expedition erreichte das Dorf No-Lai, bog nach Westen ab und kam tags darauf in die Ortschaft Pä-ta. Das nächste Etappenziel waren am 3. August das Dorf Na-wieng, wo Stübel erstmalig auf die Me-Fu-Li traf, eine ethnische Minderheit, die bis dato wenig Kontakt zu Han-Chinesen hatte. Durch das Siedlungsgebiet der Me-fu-Li ging es am 4. August nach Gai-tsang, am 7. August in das Dorf Wu-lud. Da die Expeditionsteilnehmer dort nicht erwünscht waren, verlängerten sie ihre Tagesetappe und erreichten am Abend das Dorf Tji-tsa, von wo es erst am 11. August weiterging nach Sin-lo-yä. Am 13. August passierte der Ethnologe das Dorf Bod-dung und folgte dem Flusstal des Da-ki-ho bis zum Weiler Na-gad. Am 14. August kehrte er zurück in die Nähe des Dorfes Wu-lud und unternahm am 15. August einen Ausflug in die Umgebung der Ortschaft, um den Durchbruch des Flusses Da-ki-ho aus dem nördlichen Gebirge zu erkunden. Dem Flusstal weiter folgend erreichte er am 16. August das Dorf Nam-da. Weitere Tagesetappen führten ihn am 18. August nach Nam-Pu, das von Miau bewohnt wurde, am 20. August nach Nam-Lo, einem Dorf der Li und am 23. August nach No-ib, einem Weiler der ethnischen Minderheit der Ha. Am 24. August lag das Dorf Fan-yang auf der Route und am Abend die Ortschaft Na-kai. Es folgten die Dörfer Fan-hau und Nam-Gai am 26. August, bevor die Expedition am 27. August Richtung Südosten nach Da-hsin-gang am Fuß des Fünf-Finger-Bergs abbog, dessen Gipfel Stübel am Folgetag bestieg. Nach seiner Rückkehr nach Da-hsin-gang am 31. August trat Stübel am 1. September den Rückweg an. Dieser führte über die Dörfer Nga-han-tsun am Abend desselben Tages, Tji-kau am 2. September, tags darauf über We-on, Fonda und Namfeng am 4. September und No-doa am 6.September nach Fa-hit am 8. September. Aufgrund widriger Wetterverhältnisse beendete Stübel seine Wanderung dort und kehrte am 9. September mit dem Automobil zurück nach Haikou (Hoihow).

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Publikationen

  • Hans Stübel: Die Li-Stämme der Insel Hainan. Ein Beitrag zur Volkskunde Chinas, Berlin 1937.
  • Hans Stübel/Li, Hua-min: Vorläufiger Bericht über eine ethnologische Exkursion nach der Insel Hainan. In: Jubiläumsband der OAG, Bd. 2, 1933, S. 135-144.