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Spuren. Ein JahreBuch

Für das Projekt zum Ende des Jahrtausends Spuren. Ein JahreBuch wurden insgesamt 330 Arbeiten von Künstlern und Laien eingereicht, die alle in der Bilddabenbank betrachtet werden können. Thematisiert wurden Jahre, Zeiträume und Ereignisse, die für den Autor und vielleicht auch für das Jahrhundert prägend waren.
Ein Rahmenprogramm (22.5. - 22.8.1999) mit Performances, Installationen, Kreativangeboten und Veranstaltungen flankierte die Entstehung des Buches.
Für Konzept & Koordination zeichnete der Kulturverein riesa efau verantwortlich, die Redaktion und die endgültige Zusammenstellung des Buchobjektes fand am 20. Okbtober 1999 durch Prof. Max Uhlig im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) statt. Die SLUB Dresden bewahrt seit Projektende alle eingereichten Buchseiten auf. Das gesamte Konvolut ging als Schenkung in ihren Besitz über.

Ein Salute ans Jahrtausend

"Spuren. Ein JahreBuch", mittlerweile ist es nun "Spuren. Das JahreBuch" geworden. Welcher Natur waren die Intentionen derer, die das Projekt in den städtischen Raum stellten? Welcher Natur waren die Spuren, die da hinterlassen wurden? Ungefähr zwei Jahre vor jenem etwas willkürlich zustande gekommenen, von den Medien hoch stilisierten Datumssprung bei den in europäisch christlicher Tradition stehenden Kulturen, haben sich die Initiatoren gefragt, wie man sich auf die heraufdämmernde neuartige Ziffernfolge vorbereiten könnte.

Der Gedanke, eine Augenblicksaufnahme zu machen vom Zustand unserer Kultur, in persönlich motivierten Bildern ausgedrückt, eine Aufnahme, die die heute immerfort als rasend apostrophierte Zeit scheinbar für einen Augenblick anhalten könnte. Also: ein kurzes Innehalten, ein Augenblick von Rückschau und Besinnung, bevor die Welle täglich hektischer Betriebsamkeit und dabei auch die neue Jahreszählung über uns hereinbrechen würde.

Kunst und Kommunikation, diese beiden Schlagworte leiteten uns bei der Planung des Projekts. Kunst ist hier in einem weiten Sinne zu verstehen, so gesehen, daß jeder Mensch potentiell ein Künstler, gleich welchen Gebietes, sein könnte. Die Schaffung eines reinen Kunstobjektes in dem Sinne, daß ausschließlich Künstlerinnen und Künstler an der Gestaltung beteiligt sein sollten, konnte so nicht unser Ziel sein. Aber ebenso wenig war die Instrumentalisierung von Kunst mit der Aufforderung zu gesellschaftlich-persönlicher Rückschau mittels künstlerischer Methoden unsere Intention.

Das ausgeschriebene Thema war die künstlerische Gestaltung von Buchseiten, die persönliches Erleben im vergehenden Jahrhundert thematisieren. Ob dies direkt oder indirekt, assoziativ oder illustrativ, unmittelbar oder mittelbar geschehen würde, wurde betont offen gelassen. Auch die prüfende Frage – wer ist ein Künstler – wurde vermieden.

Ein halbes Jahr vor Projektbeginn wurde das Thema für Künstlerinnen und Künstler ausgeschrieben, es gingen bald erste Seiten ein. So war das Buch bereits gut gefüllt, als ab Mai 1999 die BuchWerkstatt am Elbufer, genauer gesagt: am SpurenUfer im Dresdner Stadtzentrum, öffnete. Hier konnte jede(r) Interessierte vor Ort Seiten gestalten.

Drei Monate lang wuchs das Buch an diesem temporären Kommunikationsort durch hier geschaffene oder weiterhin aus anderen Städten oder Ländern eingereichte Seiten. Um diese Stätte wirklich zu einem Ort der Kommunikation zu machen, wurde zudem eine zweite Halle errichtet, die Konzerthalle. Der Name vermag darüber hinwegzutäuschen, daß begleitend zum Wachsen des "SpurenBuches" nicht nur Konzerte und Parties, sondern ebenso Lesungen, Vorträge, Kino, Kurse, Workshops.... stattfanden. Am Elbufer wurden für drei Monate Plastiken und Objekte aufgestellt. Und, unter dem Blickwinkel der Kommunikation nicht zu vergessen, statt der riesa-Hauskneipe "Stadt Riesa" gab es die kleine Gastro "Statt Riesa". Ein weiterer kommunikativer Punkt war die Einbeziehung zahlreicher Kooperationspartner, Vereine, anderer Kulturinstitutionen in die Vorbereitung.

Zurück zum "SpurenBuch". Ein reines Künstlerprojekt sollte es, wie gesagt, nicht sein, wohl aber der ordnenden und (aus)wählenden kuratorischen Hand unterworfen werden, um Tendenzen, künstlerische Prinzipien klar zu stellen und dem gesamten Konvolut eine Form zu geben. Dankenswerterweise hat es Herr Prof. Max Uhlig auf sich genommen, die Seiten dieser Auswahl und Ordnung zu unterziehen. So sind durch ihn die ersten 100 Seiten ausgewählt und in ihre Abfolge gebracht worden. Das Buch zeigt sehr unterschiedliche Blickpunkte. Es ist, insgesamt betrachtet, ein Stück eines Bildes geworden, welches unsere Kultur zum jetzigen Zeitpunkt bietet. Es wäre aufschlußreich zu wissen, welche Folgerungen und welches Interesse Betrachter in einigen Jahrzehnten dem "SpurenBuch" widmen werden. Werden dessen gesamtkulturelle Fragmente dann dem Namen – oder Titel – des Konvolutes gerecht? Wird, was uns heute als nebeneinander stehend erscheint, dann als relativ einheitliches Bild einer unterdessen vergangenen Kultur gesehen werden?

Das Buch selbst wird in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aufbewahrt und steht dort den Benutzern zur Verfügung. Also nicht im Depot eines Museums, sondern in den lebendigen Räumen der Bibliothek hat das Buch nun seinen Platz.

Wir sind sehr froh, daß dieses Projekt eine so große Resonanz gefunden hat, vor allem auch darüber, daß so viele Menschen sich daran in den verschiedensten Formen beteiligt haben. Wir haben uns stellvertretend vor allem für die vielen ehrenamtlichen Helfer geehrt gefühlt, als wir im November 1999 im Reichstagsgebäude in Berlin als einziges ostdeutsches Kulturprojekt den Förderpreis "Demokratie leben" des Deutschen Bundestages entgegen nehmen durften.

Namens der Initiatoren möchte ich mich auch auf diesem Wege noch einmal herzlich bei allen bedanken, die "Spuren. Ein JahreBuch" ermöglicht haben: bei den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, überhaupt bei allen, die Blätter dazu gestaltet haben, bei denjenigen, die die Arbeit, immer mit viel Engagement, gemacht haben, ehrenamtlich oder mit vielen unbezahlten Überstunden, bei den Kooperationspartnern, den Sponsoren und last but not least, bei den Förderern und beim Schirmherrn dieses Unterfangens, dem Dresdner Oberbürgermeister Dr. Herbert Wagner.

Das Projekt ist Vergangenheit, das Buch fertig, diese CD ist produziert, eines aber weist in die Zukunft: die bereits erwähnte lebendige Bewahrung des Buches in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden. Den Verantwortlichen und Beteiligten, insbesondere dem stellvertretenden Generaldirektor, Herrn Dr. Bürger, sei für sein persönliches Engagement herzlich gedankt. So bleibt mir an dieser Stelle nur noch zu wünschen, daß diese Dokumentation von "Spuren. Ein JahreBuch" als Zeugnis vom Ende des vergangenen Jahrtausends ein großes Interesse finden möge.

Frank Eckhardt Geschäftsführer riesa efau

Konzeption des Projektes (Stand vom 23.02.1999)

Die baldige Wende vom zweiten zum dritten nachchristlichen Jahrtausend bildet den Anlaß für künstlerische Projekte des Kulturvereins riesa efau, deren thematischer Rahmen vom Erleben und der Dokumentation von Zeit, von individueller und geschichtlicher Rück- und Vorschau bestimmt wird. Außerdem findet eine Reflexion über das Wesen dieses kulturell gesetzten Fixpunktes statt. Es geht dabei insgesamt nicht um den Versuch, die geschichtliche Dimension eines Jahrtausends, in seinem individuellen Erleben dem einzelnen Menschen ohnehin völlig verschlossen, darzustellen, sondern darum, aus dem Blickwinkel heutiger Menschen, Künstlern wie Laien, Sichtweisen, Erinnerungen und Hoffnungen künstlerisch aufzuzeichnen.

Neben dem in dieser Konzeption ausführlich vorgestellten Hauptteil unserer Vorhaben, der gemeinschaftlichen Schaffung des Buchobjekts: "Spuren. Ein JahreBuch" mit dem Bezug auf unser Jahrhundert, finden zwei Ausstellungsprojekte statt. Das vergehende Jahrzehnt bildet den Rahmen für die Ausstellung: "Bild Erfahrung Dresden - Stadtfotografie seit 1989". Das Ausstellungsprojekt: "Nabelschau. Im Herbst des Jahrtausends." wird künstlerische Positionen zum kulturell gesetzten Fixpunkt der Jahrtausendwende aufzeigen. Beide Projekte sind in eigenen Konzeptionen jeweils näher erläutert.

Das Buchobjekt: Spuren. Ein JahreBuch

In hohem Maße intellektuell geprägt und dokumentiert wurde das zweite christliche Jahrtausend in Mitteleuropa durch die Schriftlichkeit und dabei insbesondere das Buch. Dieses wird als Objekt und als Metapher in das Zentrum der Handlungen gesetzt. Ein großes, unikates Buch, geplant ist ein Format von ca. 1.60 x 1.40 m, soll innerhalb von drei Monaten gefüllt werden. Mit künstlerischen und dokumentarischen Mitteln werden Seiten zu Jahren, Zeiträumen, Ereignissen gestaltet, die prägend für das Jahrhundert oder individuell für die Künstler oder Laien wichtig waren. Gleichfalls kann der Blick aus dem jetzigen in das nächste Jahrhundert thematisiert werden. Wenn Jahre, Zeitabschnitte oder Ereignisse thematisiert werden, sollten diese in Bezug zur Biographie bzw. zu Lebensorten derjenigen stehen, welche die Seite gestalten. Die geschichtlichen, sowie die aus den großen Ereignissen resultierenden Einzelschicksale bilden den thematischen Rahmen für die Einschreibungen in das JahreBuch.

"Spuren. Ein JahreBuch" wird Stück für Stück wachsen, wobei zu Beginn des Projektzeitraumes bereits vorliegende Künstlerseiten die Produktion eröffnen. Ziel ist ein Buchobjekt mit individuellen Ansichten, geschaffen von Künstlern und Laien, gestaltet mit verschiedenen Mitteln und in unterschiedlicher Ausformung. Ein Objekt, das unterschiedliche Sichtweisen enthält, seine Lebendigkeit aus den verschiedenen Handschriften, in jedem Falle aus der Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung der Akteure, bezieht. Die neuen Seiten werden fortlaufend dem Buch beigefügt bzw. im Projektraum ausgestellt.

Die Beteiligten

Künstler, interessierte Bürger, Jugendliche, Kinder können je eine Seite gestalten, bzw. an der Gestaltung mitwirken. Die Buchseiten sollen vor Ort, können aber auch in anderen Städten oder Ländern entstehen, per Post oder via Internet transportiert und dem Buch beigefügt werden. Angesprochen werden in erster Linie Künstlerinnen und Künstler, die in Dresden arbeiten, von hier stammen oder wichtige Impulse in der Stadt bekamen oder setzten. Weiterhin sind Bewohnerinnen und Bewohner, Gäste der Stadt sowie Bürger der Partnerstädte eingeladen, sich in den drei Monaten mit eigenen Beiträgen zu beteiligen. Sei es durch eigenes künstlerisches Eingreifen, sei es durch das Einbringen persönlicher Dokumente der Erinnerung. Auch Historiker oder Stadtteilchronisten könnten sich beteiligen, so daß Seiten stärker dokumentarischen Charakters die künstlerischen ergänzen.

Projektort und -programm

Das Kunstprojekt "Spuren. Ein JahreBuch" soll für einen Zeitraum von drei Monaten inmitten des historischen Zentrums, an der Elbe nahe dem Japanischen Palais, in und um eine künstlerisch gestaltete Leichtbauhalle seinen Ort finden. Da uns die Verbindung des künstlerischen und geistesgeschichtlichen mit dem kommunikativen Aspekt wichtig ist, soll der Ort zu einem Treffpunkt werden, der nicht allein wegen des Buches selbst, sondern auch ob seiner Atmosphäre aufgesucht wird. Entsprechend wird ein umfangreiches Begleitprogramm das Wachsen des Buches begleiten und immer wieder auch zum Thema machen.

Künstlerische Elemente dieses Programmes sind Bildende Kunst, Neue Medien und Musik. Nicht nur die Entstehung des Buches im strengen Sinne, sondern kreative Workshops, gestalterische Aktionen, Performance und Ausstellung im ideellen thematischen Kontext repräsentieren die Bildende Kunst. Das Entstehen des Buches wird weiterhin u.a. von musikalischen Veranstaltungen, Theateraufführungen, Lesungen, Diskussionsforen begleitet. Auch die Neuen Medien sowie der Film bilden einen Teil des Rahmenprogramms. Um eine umfassendere Auslotung des Themas möglich zu machen, sind wir insbesondere bei der Planung und Durchführung des Rahmenprogramms bestrebt, mit anderen Dresdner Vereinen und Institutionen zu kooperieren, von denen einige bereits ihr Interesse bekundet haben.

Zur Eröffnung des Projekts ist ein Kunstfest geplant. Im Projektverlauf wird es weitere Höhepunkte geben. So werden am 10. Juli zur Museumsnacht und am 12. August zur Sonnenfinsternis besondere Programme geplant. Performances werden in Zusammenarbeit mit der Gruppe Flexibel X stattfinden. Der Projektzeitraum endet mit dem zweiten Dresdner Stadtfest. Mit einer Abschlußaktion wollen wir, gemeinsam mit allen am Projekt beteiligten Vereinen und Gruppen, einen Beitrag zur Entwicklung dieses Festes zu einem, dem Charakter der Stadt angemessenen, Kunst- und Kulturfest leisten.

Dokumentation, Ausstellungen, Aufbewahrung

Nach Abschluß der Entstehungsphase der Seiten am 22. August 1999 wird deren redaktionelle Auswahl und Anordnung innerhalb des JahreBuches unter der Regie von Prof. Max Uhlig erfolgen. Anschließend soll "Spuren. Ein JahreBuch" in verschiedenen anderen Städten, so in Partnerstädten von Dresden, wie Florenz, Straßburg, St. Petersburg sowie vorgestellterweise auch in Jerusalem, einer Wiege unserer Kultur, gezeigt werden. Eine Präsentation auf der Expo 2000 wird angestrebt. Seinen endgültigen Platz in Dresden wird das Buch im Buchmuseum innerhalb der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek erhalten. Das Projekt, insbesondere das "Spuren. Ein JahreBuch", soll auf einer CD-Rom, per Video sowie als verkleinertes Reprint in Buchform dokumentiert werden. Parallel zum Buch wächst bereits die Dokumentation im Internet.

Das Projekt im Rückblick

Die bevorstehende Wende vom zweiten zum dritten Jahrtausend bildete den Anlaß für das Projekt "Spuren. Ein JahreBuch" des Kulturvereins riesa efau in Dresden. Es ging dabei um den Versuch, die geschichtliche Dimension des zu Ende gehenden Jahrhunderts und Jahrtausends aus dem Blickwinkel und aus der jeweils individuellen Biographie heutiger Menschen künstlerisch zu erfassen und aufzuzeichnen. Ebenso sollten Gespräche über diese Erlebnisse und das Verhältnis zum Wandel in Gang gesetzt werden.

Beim "Spuren. Ein Jahrebuch" handelt es sich um ein großes Buch im Format von 160 x 140 cm, dessen Seiten von Künstlern wie Laien individuell gestaltet sind. Thematisiert werden Jahre, Zeiträume und Ereignisse, die für den Autor persönlich und vielleicht auch für das Jahrhundert prägend waren. Eine Vielzahl von Veranstaltungen, Gesprächsrunden, Kunstaktionen, Lesungen, Theateraufführungen und Installationen flankierten die Entstehung des Buches.

Um ein passendes Ambiente im öffentlichen Raum und Bewußtsein für dieses Projekt zu schaffen, wurden vom 22.5. bis 22.8.99 am Elbufer gegenüber der Dresdner Stadtsilhouette künstlerisch gestaltete Leichtbauhallen aufgebaut. Eine Halle wurde als Präsentations- und Entstehungsraum des Buchobjektes, als Buchwerkstatt, genutzt, die andere speziell als Veranstaltungs- und Begegnungsort.

Mit einem Rücklauf von insgesamt 330 Seiten hat das Buchobjekt eine überaus positive Resonanz erfahren. Von den ca. 400 ausgegebenen Seiten wurden 175 von Dresdner Bürgern, Künstlern wie Laien, gestaltet. 27 Blätter wurden aus Leipzig und Chemnitz eingereicht, 118 aus dem übrigen Bundesgebiet und 10 aus dem Ausland. Das in Gmund speziell hergestellte Büttenpapier wurde vom Kulturverein an interessierte Künstler versandt bzw. an alle ausgegeben, die sich am Projekt beteiligen wollten.

Die Teilnehmer setzten sich in Gruppen oder auch alleine mit ihren persönlichen Empfindungen an der Schwelle der Jahrtausendwende auseinander. So verschieden die Rückblicke in die eigene Vergangenheit und die Wünsche für die Zukunft sind, so individuell sind auch die Gestaltungsweisen, Inhalte und Formen der Buchseiten.

Thematisiert wurden individuelle Erlebnisse, Familiengeschichte, dokumentarische Darstellungen der Gesellschaftsstruktur bis hin zu individuellen Mythologien oder Momentaufnahmen. Gearbeitet wurde u.a. mit Kohlestiften, Ölkreide, mit Aquarell-, Acryl- und Gouachefarbe. Collagen und Assemblagen wurden aus Fotografien, Leinwand, Dokumenten, Erde, Rost und vielen anderen Materialien gestaltet.

Viele Buchseiten entstanden in der am Elbufer speziell eingerichteten offenen Werkstatt. Unter fachlicher Begleitung Dresdner Künstler/innen oder ganz frei konnte während der täglichen Öffnungzeit von 10 bis 22 Uhr gearbeitet werden. Verschiedene Farbsorten, Pinsel, Kreativmaterial sowie natürlich das Papier standen zur freien Verfügung.

Die fertiggestellten Seiten wurden in das Buch eingeheftet oder zuvor eine Zeitlang an den Hallenwänden gezeigt. Zweimal wöchentlich wurde das Buch vollständig durchgeblättert und Erläuterungen zu den Autoren und den Blättern gegeben. Außerdem stand ein Computer für die Ansicht der Seiten auf dem Bildschirm ständig zur Verfügung. Die Verbindung zwischen künstlerischen, geistesgeschichtlichen und kommunikativen Schwerpunkten ließ den Ort zu einem Treffpunkt werden, der auch wegen seiner Atmosphäre aufgesucht wurde. Kreative Workshops, gestalterische Aktionen und Performances begleiteten die Entstehung des Buches. Konzerte, Parties, Lesungen, Theateraufführungen und Diskussionsforen wurden durchgeführt. Die Neuen Medien (z.B. Internetcafé), thematische Filmreihen sowie Open-Air-Kino bildeten einen wesentlichen Teil des Rahmenprogramms. Installationen und Aktionen Dresdener und Berliner Künstler gestalteten den Projektort mit zu einem Kunst- und Kommunikationsort.

Nach 93 Tagen der Entstehungs- und Diskussionsphase an der Elbe wurde das Buchobjekt im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB Dresden) ausgestellt. Dort fand auch Ende Oktober die redaktionelle Zusammenstellung des "Spuren. Ein JahreBuch" statt. Prof. Max Uhlig wählte als Kurator 100 Blätter aus, die die Vielschichtigkeit der Themen und die Vielseitigkeit der künstlerischen Techniken der eingereichten Blätter repräsentieren. Da die Bindung des Buchobjektes, wie sie an der Elbe praktiziert wurde, aus konservatorischen Gründen nicht aufrechterhalten werden kann, wird das Gesamtensemble aller 330 Buchseiten in Kassettenform in der SLUB Dresden aufbewahrt. Die ausgewählten Blätter stellen in diesem Zusammenhang die ersten 100 Seiten des offenen Buches dar.

Im Dezember 1999 erhielt der Kulturverein riesa efau für das Projekt "Spuren. Ein Jahrebuch" vom Deutschen Bundestag als einziges Kulturprojekt bundesweit den Förderpreis "Demokratie leben". Damit wird "herausragendes bürgerschaftliches Engagement ausgezeichnet, das durch kreative, innovative Problemlösung und persönlichen Einsatz in den verschiedensten Bereichen unserer Gesellschaft einen unverzichtbaren Bestandteil unserer Demokratie bildet" (Zitat der Urkunde).

Das "Spuren. Ein Jahrebuch" ist als Gesamtkunstwerk mit allen eingereichten Seiten als Schenkung offiziell in den Besitz der SLUB Dresden übergegangen. Somit werden die Buchseiten auch zukünftig der Öffentlichkeit zugänglich sein und als Ergebnis einer Momentaufnahme künstlerischen Schaffens vor der Jahrtausendwende an einem prädestinierten Ort für künftige Betrachter aufbewahrt.

Für die Erstellung der CD-Rom wurden alle Buchseiten von der Deutschen Fotothek in Dresden fotografiert. Die Fotothek archiviert die Buchseiten als Bilddokumente und verkauft sie auf Anfrage als s/w-Abzüge oder verleiht die Repros gegen eine Gebühr.

Das Projekt war von Beginn an im Internet unter http://www.spuren.de einzusehen und wird immer wieder aktualisiert. Weitere Präsentationen und Ausstellungen des Buchobjektes werden in Zusammenarbeit mit der SLUB geplant und sind im Internet nachzulesen.

Technische Daten

Seitenformat: 1,60 m x 1,40 m
Papier: 350 g Bütten
Hersteller: Büttenpapierfabrik
Gmund GmbH & Co KG
Einbandgestaltung: Peer Alexander von Martens
Bindung: Kunst- und Verlagsbuchbinderei GmbH Leipzig

insgesamt ausgegebene Seiten: ca. 400
davon bundesweit verschickt: ca. 100
gestaltete Seiten insgesamt: 333
davon aus dem Raum Dresden: 176
Raum Leipzig: 12
Raum Chemnitz: 15
übriges Bundesgebiet: 119 (u.a. aus Köln, Wuppertal, Düsseldorf, Bremen, Hamburg, Berlin)
Ausland: 11 (aus Bangladesch, Chile, Finnland, Italien, Mazedonien, Niederlande, Russland, Zypern)

Das Spuren-JahreBuch in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

Nachdem das JahreBuch-Projekt konzipiert worden war, traten die Organisatoren von riesa efau an die Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB Dresden) heran mit der Bitte, das Buch dauerhaft aufzubewahren und nach Möglichkeit auch im Buchmuseum zu präsentieren. Frank Eckhardt erklärte am 22. April 1999 dem Vorstand der Gesellschaft der Freunde und Förderer der SLUB Dresden das Vorhaben.

Die Bibliothek stand dem Experiment von Anfang an aufgeschlossen gegenüber. Es war abzusehen, dass sich dieses Buch-Projekt auf interessante Weise einfügen würde in die Sammlung originalgraphischer Künstlerbücher, die ein Sammelschwerpunkt an der SLUB Dresden sind. Andererseits war kaum abzuschätzen, welchen Umfang, welche Qualität und welche daraus resultierenden Folgen für die Aufwahrung dieses Gemeinschaftsprojekt annehmen würde.

1. Aufbewahrung

Nicht weniger als 330 Papierarbeiten im Format von 160 x 140 cm trugen die engagierten Künstlerinnen und Künstler im Sommer 1999 zusammen. Mit dieser unerwartet großen Zahl wurde nicht nur für Professor Max Uhlig die Auswahl von 100 Blättern außerordentlich schwierig, sondern auch die Aufbewahrung aller Arbeiten. Es stand ja von vornherein fest, dass neben dem 100-Seiten Buch auch die anderen Seiten, darunter viele qualitativ ebenbürtige, in angemessener Form bewahrt werden sollten.

Die damit verbundenen Schwierigkeiten dürften den Teilnehmern am JahreBuch-Projekt kaum bewusst gewesen sein, als sie mit Farben, Klebern und verschiedensten Materialien ihre Jahrhundert-Spuren festgehalten haben. Schon bald zeigte sich, dass die Seiten schwerer als erwartet waren und das Buch mit den 100 Seiten und dem kupfergetriebenen Einband kaum von vier kräftigen Männern zu tragen war. Dieses hohe Gewicht und die unterschiedlichen, zum Teil sehr sensiblen Oberflächen führten dazu, dass die Seiten durch Zwischenlagen geschützt werden mussten, was den Umfang fast verdoppelte und das Gewicht nochmals erhöhte.

Wenn das Spuren-JahreBuch als künstlerisches Zeugnis vom Ende des 20. Jahrhunderts in die Zukunft hinübergerettet werden soll, so kann dies nur durch eine Einzelaufbewahrung der Seiten geschehen. Durchschnittlich 11 Blätter sollen künftig mit Zwischenlagen in insgesamt 30 Kassetten gelegt werden. Die ersten 100 Seiten füllen 9 Kassetten und bilden zusammen mit dem Einband das Buch, in das sie zu besonderen Ausstellungen eingebunden werden können. Diese offene Aufbewahrungsform entspricht der offenen Anlage des Buches, das aus 100 Blättern besteht, an dem aber auch alle weiteren 230 Seiten teilhaben. Vielleicht werden unsere Nachfahren die Seiten einmal umsortieren wollen und mit Max Uhlig in Gedanken streiten, vielleicht werden sie die Seiten aber auch so hinnehmen, wie sie gedacht sind: als Spuren unserer Zeit, mit denen künstlerische Erinnerungen an der Schwelle einer Jahrhundert- und Jahrtausendwende für die Zukunft wachgehalten werden können.

2. Malerbücher, Künstlerbücher, das JahreBuch

Eine Bibliothek ist der Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft begegnen. In ihr befinden sich die Erinnerungen von gestern und die Ideen für morgen in ständigem Austausch und Wettstreit. Die illustrierten Bücher haben mit dem Dialog zwischen Bildern und Texten einen besonderen Anteil an der kreativen Arbeit in und mit der Geschichte. Es genügt ein Blick in das Buchmuseum der SLUB Dresden, um einen ersten Eindruck von der langen Tradition und großen Bedeutung der wechselseitigen Erhellung der Künste zu erhalten. Das Miteinander von Bild und Text zeichnen die Maya-Handschrift ebenso aus wie den Sachsenspiegel, um nur zwei der berühmtesten Handschriften und zudem zwei aus ganz verschiedenen Kulturkreisen zu nennen.

Die modernen Künstlerbücher stehen bewusst oder unbewusst in der Geschichte dieser Überlieferung. Als der berühmte Dresdner Bibliothekar und Schriftsteller Erhart Kästner nach dem Zweiten Weltkrieg an die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel wechselte, hatte er die Vision, diese von Kriegsschäden verschonte Bibliothek mit ihren Schätzen aus der Antike, aus dem Mittelalter und aus der Frühen Neuzeit mit dem Aufbau einer Künstlerbücher-Sammlung in die Moderne zu führen. Er brachte eine herrliche Kollektion insbesondere französischer illustrierter Bücher zusammen, die er Malerbücher nannte, und die fast alle namhaften Künstler, darunter Braque, Chagall, Miro oder Picasso, umfasste.

Gemeinsam war diesen Malerbüchern das inhaltliche Prinzip, Texte antiker oder zeitgenössischer Autoren durch moderne Illustrationen zu interpretieren, und das formale Prinzip, diese Bücher nicht zu binden, sondern in losen Lagen aufzubewahren. Kästner ließ für jedes Malerbuch eine individuelle Kassette anfertigen.

Im Unterschied zu diesen längst klassisch gewordenen Malerbüchern sind die modernen Künstlerbücher in ihrer Komposition von Inhalt und Form freier. Seit den sechziger Jahren gibt es weltweit eine Tendenz, Bild und Text in experimentellen Büchern und Mappen als Kunstobjekt zusammenzuführen.

Auf der documenta 6 (1977) wurde mit der Sonderausstellung Metamorphosen des Buches auch dem deutschen Publikum diese neue Kunstform in großem Rahmen vorgeführt. In der DDR legitimierte eine kleine Ausstellung auf der IBA 1982 in Leipzig das Buchexperiment.

In Sachsen, wo an den Kunsthochschulen in Leipzig und Dresden als Diplomarbeit immer auch eine experimentelle Mappe oder ein Künstlerbuch eingereicht werden konnte, fiel diese neue Entwicklung bereits Ende der siebziger Jahre auf besonders fruchtbaren Boden. Absolventen dieser Kunsthochschulen schufen sich gemeinsam mit jungen Schriftstellern, die von der offiziellen Kulturpolitik der DDR ausgegrenzt waren, mit ihren Buchwerken eine eigene Öffentlichkeit und entwickelten damit neue Formen und Inhalte der Buchkultur, die in besonderer Weise zur Entwicklung des Künstlerbuches in Ostdeutschland beitrugen.

Das Projekt Spuren. Ein JahreBuch erwuchs aus den Erfahrungen dieser achtziger Jahre und setzt die Buchexperimente des letzten DDR-Jahrzehnts fort.

In der Sächsischen Landesbibliothek wurden Text-Graphikmappen und Künstlerbücher seit Beginn der achtziger Jahre gesammelt. 1983 ist der Bibliothek der Status einer Zentralbibliothek der DDR für Kunst und Musik übertragen worden. Durch die damit verbundenen zusätzlichen finanziellen Zuwendungen konnte die Bibliothek u. a. auch Kunst in Buchform in größerem Umfang erwerben, so dass allmählich eine Sammlung von Künstlerbüchern und Text-Graphikmappen entstand, die sowohl wegen ihrer künstlerischen Bedeutung als auch durch ihre politische Brisanz nach der Wende Schlagzeilen machte.

3. Die digitale Öffnung experimenteller Künstlerbücher

Ein Problem, nicht nur bei dem JahreBuch, stellt die Benutzbarkeit dieser experimentellen Objekte dar. Die Idealvorstellung großer Buchgestalter, daß sich ein schönes Buch durch seine Zweckmäßigkeit, durch den Zusammenklang von Inhalt, Proportion und Farbe auszeichnet, ist im Künstlerbuch zugunsten des Experimentes längst aufgegeben worden. Überdurchschnittlich große Formate, instabile Bindungen und Faltungen, buchfremde, mitunter vergängliche Materialien, machen die Benutzbarkeit und Aufbewahrung vieler Objekte zum Problem.

Neue Medien erweisen sich in dieser Notlage als Helfer. Elektronische Informationsträger werden zunehmend dafür eingesetzt, schwer zugängliche oder gefährdete Bände digital zur Verfügung zu stellen. Selbst wenn ein auf dem Bildschirm dargestelltes Kunstwerk den Eindruck des Originals nicht vermitteln kann, ist ein solches Medium für die Verbreitung und die wissenschaftliche Arbeit ebenso nützlich wie früher die massenhafte Herstellung von Reproduktionsstichen, Zinkografien und Autotypien, die, besonders seit dem 19. Jahrhundert für Kunstvergleiche eingesetzt, die Kunstwissenschaft erheblich beflügelten.

Um diese Dokumentationsmöglichkeiten voll auszuschöpfen hat die SLUB Dresden den Auftrag übernommen, eine Virtuelle Fachbibliothek für das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Sondersammelgebiet Gegenwartskunst aufzubauen. Das Ziel dieser Virtuellen Fachbibliothek Gegenwartskunst ist eine integrierte Erschließung und Präsentation verschiedenster Quellen zur zeitgenössischen Kunst durch Metadaten. Unter einer einheitlichen Suchoberfläche sollen in verteilten Datenbeständen Recherchen in einer medienadäquaten Informationsstruktur ohne Medienbruch ermöglicht werden. In dieser Virtuellen Fachbibliothek, die auch eine Künstlerdatenbank enthalten wird, soll das JahreBuch mit allen eingereichten Arbeiten digital verfügbar sein.

4. Buchmuseum und Bibliothek

Das Spuren. Ein JahreBuch gehört mit seinem Umfang von 160 x 140 cm zu den größten Büchern überhaupt. Nur wenige Werke - wie einige holländische Atlanten seit dem 17. Jahrhundert (heute in Berlin und London) - dürften ein noch größeres Format haben. Schon aus Platz-, Transport- und Kostengründen kann das JahreBuch deshalb nur eingeschränkt gezeigt bzw. auf Reisen geschickt werden, während die virtuelle Präsentation ohne Zeit- und Raumbeschränkungen möglich ist. Freilich soll das Objekt nicht dauerhaft im Magazin verschwinden, sondern wenigstens von Zeit zu Zeit im Buchmuseum den Dialog mit den anderen Handschriften und Drucken sowie den Betrachtern suchen. Wiederum war es Erhart Kästner, der im Japanischen Palais das Dresdner Buchmuseum gegründet hatte, in dessen Reichweite, zwischen Palais und Elbe, rund 60 Jahre später im Jahre 1999 das Zelt aufgebaut wurde, in dem das JahreBuch entstand.

Mit der schweren Beschädigung des Japanischen Palais im Zweiten Weltkrieg ist auch das Buchmuseum stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Sächsische Landesbibliothek musste 1946/47 in ein Kasernengebäude der nördlichen Albertstadt umziehen, wo später ein Zimelienzimmer und zwei Räume für Wechselausstellungen eingerichtet wurden. Im Jahre 2001 wird die Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden dann den eindrucksvollen Neubau beziehen, der zur Zeit am Zelleschen Weg 18-20 entsteht. Auch in dieser 30.000qm großen Universalbibliothek mit modernster Infrastruktur wird es wieder Ausstellungsräume und ein Zimelienzimmer für die bedeutendsten Schätze geben.

Das Buchmuseum ist ein Schaufenster der Bibliothek: es bietet Einblicke in das Haus und seine Geschichte und kann darüber hinaus viel mehr. Es macht mit den Überlieferungs- und Schriftformen einzelner Epochen und Kontinente bekannt und führt die Gedächtnisfunktion der Bibliothek vor Augen. Dem Alten wird das Neue zur Seite gestellt, und dabei zeigt sich, dass sich die Intentionen von Schrift und Kunst (mit oder ohne Buchform) oft wiederholen und dennoch immer neu beweisen müssen. Sie wollen informieren, provozieren, gefallen, aufrütteln, berichten, beschreiben, aufdecken und und und... In der Welt der Bücher spielen Künstlerbücher eine unverwechselbare, mitunter eine schwierige Rolle. In der Bibliothek sind sie zu Hause.

Thomas Bürger und Helgard Sauer