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Modefotos der 20er und 30er Jahre

Wann ist eine Fotografie eine Modefotografie?

In der Gegenwart fällt die Antwort leichter als für die 1920er und 1930er Jahre. Heute bedarf es nur eines Models sowie eines Fotografen, der für eine möglichst bekannte Modemarke arbeitet, wobei diese mit den Fotografien für sich selbst in möglichst vielen Medien werben will.

Glaubt man den Auskünften von Wikipedia, so "erfand" Adolphe Braun dieses spezielle Art der Fotografie, als er 1856 erstmals ein Buch mit 288 Aufnahmen herausbrachte, auf denen die toskanische Edeldame Virginia Oldoni ihre Garderobe präsentierte. Danach konnte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis derartige Fotos, die anschaulich Mode präsentierten, Eingang in Zeitschriften und spezielle Modejournale fanden. Die weltberühmte "Vogue" etwa gibt es bereits seit dem Jahre 1892 und seit etwa 1909 fanden dort auch Fotografien mit schnell steigender Tendenz Eingang.

In den 1920er und 1930er Jahren entwickelte sich - wie unsere Bildauswahl zeigt - das neue Genre der Fotografie dann ausgesprochen rasant, was sicherlich nicht zuletzt mit dem neuen Frauenbild, das sich in jener Zeit etablierte, untrennbar verbunden gewesen ist. Die Modefotografie suchte nun auch verstärkt die Nähe zur Kunst. Kreativität bei der Inszenierung wurde ungemein wichtig. Neben der originellen Präsentation sollte zugleich auch ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelt werden. Gleichzeitig wurde die Mode zu einem Alltagsthema für alle Schichten der Bevölkerung. Dieses Interesse wiederum erweckte offenbar den Wunsch, die – in ärmeren Schichten überwiegend selbstgeschneiderte – Kleidung à la mode im Foto festzuhalten. Mitunter etwas ungeschickt arrangiert, womöglich auch mit einem verlegen lächelnden Modell, doch oft durchaus selbstbewusst und mit einem zur Schau getragenen Wohlstand präsentierte man sich --- und dies eben vor allem mittels der Kleidung. Manches Foto, das zunächst wohl nur als Porträt gedacht gewesen ist, erscheint uns heute durchaus als Modefoto. Warum jedoch ist dies so?

Weil das "outfit"- wie wir es heute nennen würden – in dem Bestreben, die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen – so sorgfältig ausgewählt und die dazu eingenommene Pose so klug kalkuliert wurde, dass letztlich von Kleidung die äußere Erscheinung der Gestalt und deren Antlitz nahezu dominiert wurde. Kleider machen Leute, und die Leute wissen das, wussten es schon immer. In den am meisten faszinierenden Aufnahmen verbindet sich der erlesene Geschmack bei der Wahl der Kleidung mit dem großen Können des Fotografen und einer auffälligen Schönheit der Dargestellten, die manchmal eine erstaunliche Begabung zur Selbstdarstellung im besten Sinne offenbaren und mitunter auch durch ihren "Charakterkopf" beeindrucken.

Vom japanischen Modemacher Yohji Yamamoto weiß man, dass er sich von historischen Fotografien inspirieren lässt und dass einer seiner ersten Favoriten das Porträt eines jungen Zigeuners war, den 1930 der große deutsche Fotograf August Sander aufnahm. Dabei ist Yamamoto vermutlich nur ein Beispiel für solche Art von Rezeption. Die historischen Modefotografien der 1920er und 1930er Jahre aus dem Bestand der Deutschen Fotothek sind in diesem Sinne gewiss ähnlich anregend und ein "Fest für das Auge", auch wenn die Namen der Fotografen einen nicht ganz so prominenten Klang besitzen.

Lala Aufsberg (1907-1976) war eine Sonthofener Fotografin, die ihren Lebensunterhalt vor allem mit der bildlichen Dokumentation von Kunstwerken verdiente. In ihrer Freizeit indes versuchte sie in der Fotografie auch eine Mischung aus Freiluftporträt und dem, was man heute Story-Fotos nennen würde. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich, dass sie ein erstaunliches Talent für Modefotografie besaß. Ihre Aufnahmen erzählen oftmals nicht nur kleine Geschichten, sie werden gewissermaßen erst vollständig, durch das perfekte Outfit --- eine formale Entsprechung, von der heute wohl jeder Modefotograf träumt.

Franz Grasser (1911-1944) war 25 Jahre alt, als er begann, in der Funktion eines Bordfotografen zunächst Nordlandfahrten und später auch größere Weltreisen auf dem Schiff zu begleiten. Umgeben von einer in jeder Hinsicht "gutbetuchten" Klientel, selber jung und attraktiv, sprachbegabt und weltoffen, fand er offensichtlich schnellen Zugang zu jenen Passagieren, die er zu fotografieren hatte. So entstanden mitunter fast privat anmutende Aufnahmen hochmodisch gekleideter Leute in gelöster Atmosphäre.

Elfriede Reichelt (1883-1953), eine Breslauer Kunstfotografin, besaß ein Atelier für künstlerische Portraitfotografie. Die Mode gelangt bei ihr also gewissermaßen durch das Porträt ins Bild. Es sind die Modelle, die sich einer erwünschten Vorstellung von sich selbst gemäß kleiden und es ist die Fotografin, die dies sehr sensibel in eine "Modefotografie mit Porträt" umzusetzen weiß. Der Bestand, den die Deutsche Fotothek in Kooperation mit dem Münchner Stadtmuseum zeigt (welches auch die Rechte an diesen Aufnahmen hat), belegt dies in anschaulicher Weise.

Else Seifert (1909-1968), Dresdener Architekturfotografin, hatte neben ihrem beruflichen Hauptfeld auch eine große Neigung zur Porträtfotografie. Dieser verdankt die Nachwelt eine Reihe großartiger Porträts, die zugleich vom Zeitgeschmack in Stil und Mode erzählen; dabei ist auch die Fotografin mit ihren Selbstporträts eingeschlossen.

Willy Hanisch (1893-1945) war als Fotograf in Roßwein tätig und fotografierte in seinem Atelier auf der Gartenstraße 44 vermutlich die halbe Bevölkerung der Stadt und Umgebung. Privat entstanden über die Jahrzehnte hinweg zahlreiche Aufnahmen seiner Frau und der zwei Kinder- stets nach der neuesten Mode gekleidet und dabei nur gelegentlich assistiert von Freunden oder Verwandten. Hanischs Neigung zur Modefotografie ist unübersehbar,- auch wenn er (anders als später sein Sohn) vermutlich noch keine Aufträge für Werbefotos von der einheimischen Textilindustrie erhalten hat.

Anne Spitzer

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